Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.03.11, Pfarrer Joachaim Gerhardt

7 Wochen ohne Ausreden

Es gibt Sätze, die sind bei uns völlig unterschätzt: „Es tut mir leid, ich bin schuld.“ Das ist so ein Satz. Wann habe ich ihn zuletzt gesagt?

Leicht kommen mir diese Worte nicht über die Lippen.

Eher das Gegenteil ist der Fall. Schuld haben in der Regel ja immer die anderen oder die Umstände oder die Technik oder am Ende sogar das Wetter. Wennich zu spät komme, sage ich nicht, dass ich mich verquatscht habe, nein - sondern „weil es so geregnet hat“. Und dem Kollegen, den ich vergessen habe, anzurufen: Es sei ja viel besetzt gewesen. Faule Ausreden sind das. Aber sie sind einfacher als die Wahrheit zu sagen, oder?

Es stimmt. Es geht um Ehrlichkeit, um Wahrhaftigkeit. Das klingt so altertümlich, trifft die Sache aber ziemlich genau auf den Punkt. Wahrhaftigkeit. Es liegt nicht an meinen blöden Mitarbeitern im Büro, nein, ich habe den Auftrag für die Arbeit meiner Mitarbeiter schlecht formuliert. Es ist nicht der Idiot im Auto vor mir, nein, ich bin es, der es eilig hat, weil ich meine Zeit mal wieder falsch eingeteilt habe.
 
„Ich war´s! – 7 Wochen ohne Ausreden“. So lautet dieses Jahr das Motto der bundesweiten Fastenaktion der evangelischen Kirche. Die sieben Wochen beginnen heute, mit Aschermittwoch. „7 Wochen ohne Ausreden“: Das ist die Einladung ein Verhalten einzuüben, das unserer Gesellschaft unendlich gut täte. Das wir nur leider an vielen Stellen verlernt haben: Nämlich, dass Menschen ihre Fehler eingestehen, dass sie Verantwortung für eigene Verhaltensweisen und Entscheidungen übernehmen, gerade dann, wenn sie nicht gelungen sind.

Tja, wo kann ich so ein Verhalten noch lernen? Und dann auch noch sieben Wochen lang? Das ist wirklich schwer. Und ich gebe zu Bedenken: Unsere Gesellschaft ist darauf nicht vorbereitet: Wer bei uns öffentlich Fehler einräumt, muss fürchten, an den Pranger gestellt zu werden. Und da muss er noch nicht mal schuldig sein. Es reichen schon der Verdacht und manchmal schon die üble Nachrede und man ist abgestempelt, gnadenlos verurteilt.

Wenn wir uns eine Welt wünschen, wo Menschen sich zu ihren Fehlern bekennen und eigenes Versagen einräumen, brauchen wir eine Kultur damit umzugehen. „7 Wochen ohne Ausreden“ muss dann, finde ich, auch heißen: „7 Wochen mit  Verzeihung“, „7 Wochen mit Vergebung“. Das gehört sicher dazu.

All das kann man gesellschaftlich fordern. Der Praxistest geschieht im Kleinen, im Konkreten: in meiner Familie, bei meiner Ehefrau, zwischen Freunden, auf dem Schulhof, zwischen Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten. Denn Fehler machen wir alle. Keiner ist perfekt. Ich habe einen Traum: Wenn einer mal anfängt, und sich zu seinen Fehlern bekennt, werden viele ihm erleichtert folgen. Probieren wir es aus: „Es tut mir leid. Ich war’s!“ Dieser Satz hat einen Klang, vielleicht sogar einen Zauber, der unsere Welt verändern kann. „Es tut mir leid. Ich war’s!“  Das ist ein Satz, der Fesseln löst, Blockaden aufweicht. „Entschuldigung. Ich war´s!“ Ein Satz. der Menschen, die sich entfremdet haben, ganz neu zu einander führt.

 

Audiobeitrag 7 Wochen ohne Ausreden


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