Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.03.11, Pfarrer Joachim Gerhardt

Fastenzeit

Es gibt witzige Erklärungen im Leben. So haben Mönche im Mittelalter den Biber auf die Fischkarte gesetzt,

damit sie während der Fastenzeit das Fleisch dieses schwimmenden Flussanwohners genießen konnten. Morgen beginnt sie wieder, die Fastenzeit. Sieben Wochen bis Ostern. Und jedes Jahr die Frage: Soll ich auch mitmachen? Und wenn ja, auf was kann ich verzichten? Wenn man die Leute auf der Straße befragt, hört man alle Jahre wieder ähnliche Antworten:

O-Töne: Frau2: „Also, ich habe mir überlegt, dass ich mal ganz bewusst auf Süßigkeiten verzichten möchte.“

Mann1: „ Na ja, für dieses Jahr hätte ich mir ganz dringend vorgenommen aufs Rauchen zu verzichten, oder wenigsten was einzuschränken und (…) weniger zuhause zu sitzen und fernzusehen und so weiter, Internet.“

Frau1: „Bei mir gibt vielleicht auch keine Schokolade.“

Mann2: „Ich könnte mir vorstellen, in den nächsten sieben Wochen, also während der Fastenzeit auf Alkohol zu verzichten.“
 
Autor: Zwei bis drei Millionen Menschen wollen laut Umfragen die Passionszeit zum sehr gewissenhaften Fasten nutzen. Jeder achte Bundesbürger will in den kommenden sieben Wochen zumindest auf eine Sache verzichten. Nicht so bekannt sind die Zahlen von Menschen, die ihre Fastenaktion wieder abbrechen. Oder von Menschen wie die Mönche damals mit dem Biber, die mit manchem kleinen Selbstbetrug sich von der einen oder anderen Last eines guten Vorsatzes befreien.

O-Töne: Frau1: „Naja; da bedarf es einer gewissen Willensstärke und die kommt einem nun mal abhanden, jedenfalls manchmal so im Laufe des Alltags“

Mann1: „Ja, der Kopf ist willig, der Geist ist schwach, wir kennen das ja alle,.“

Frau2:  „Ich glaube letztendlich scheitert es immer dann an der Selbstdisziplin.“

Autor: Ich glaube, dass Fastenversuche scheitern, wenn wir ein negatives Vorzeichen vor die Klammer des Verzichts setzen. Denn der Geist der Passions- und Fastenzeit ist ein positiver. Es geht darum, Zeit bewusst zu gestalten und sich vom Überfluss des Lebens zu befreien. Für mich ist die zentrale Frage daher nicht: Was lasse ich? Sondern auf was möchte ich nicht verzichten?

O-Töne: Frau1: „Also das wäre das Vertrauen. Ich brauche einfach Menschen, denen ich vertrauen kann und die mir vertrauen können, das ist einfach lebenswichtig, auf jeden Fall für mich..“

Mann1: „Ohne Liebe geht nicht, zumindest ein Gefühl, dass man liebt und geliebt wird, Familie, Freunde, das ist eigentlich das Wichtigste.“

Frau2: „Auf jeden Fall nicht auf die Geborgenheit. Dass man weiß, wo man hingehört. Und naja Mut ist mir wichtig, dass man Mut und Kraft hat, diese Welt gut zu gestalten.

Autor: Liebe, Geborgenheit, Vertrauen. Das ist für viele, viele Menschen das wirklich Wichtige im Leben. Nur, ich verliere es all zu oft aus den Augen, aus dem Sinn. Heute kann ich mich daher schon mal darauf einstimmen. Damit ich morgen, zum Auftakt der Fastenzeit, schon weiß, um was es geht: um das, was mich im Leben wirklich ernährt – nicht um Fisch oder Fleisch.

Audiobeitrag Fastenzeit


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