Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.03.11, Michael Birgden

Neue Sicht

Die Oma meiner Freundin Julia ist vor ein paar Wochen gestorben. Obwohl sie schon über 80 war und auch echt schwer krank war,

wollte sie noch gerne leben und hat tapfer alle Untersuchungen und Therapieversuche über sich ergehen lassen. Ihre Kinder und Enkel haben sie darin unterstützt und alles versucht.

Eine Woche vor ihrem Tod hat Julias Oma dann ihre Familie zu sich gerufen und gesagt: „Nehmt’s mir nicht übel, aber ich kämpf’ nicht mehr. Ich möchte jetzt die mir verbliebene Kraft nutzen, mich von euch zu verabschieden.“

Julias Familie konnte damit zunächst gar nicht umgehen, ist ja auch verständlich, aber Julias Oma hat das Ding durchgezogen. Sie wusste, so sagt Julia, wann es Zeit ist, einen Traum aufzugeben. Julia hat durch das Sterben ihrer Oma eine neue Sicht auf ihr eigenes  bekommen hat. Auch sie hängt oft Dingen nach, die längst vergangen sind. Beziehungen, die von Anfang an nichts waren, oder Berufsmöglichkeiten, die ihr nie offen standen.

Wir leben viel im hätte, würde, wäre – gut tut uns das nicht, weil es uns blind macht für die Möglichkeiten, die das Leben jetzt für uns bereithält Die Kraft bündeln, sichten, welche Chancen man wirklich hat und diese Chancen ergreifen. Das ist das, sagt Julia, was sie von dem bewussten Sterben ihrer Oma gelernt hat.

Sprecher: Daniel Schneider

Audiobeitrag Neue Sicht


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