Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.02.11, Oliver Metz

Gott kennt euch und weiß alles - Joachim Ringelnatz

Sprecher: In der Stratosphäre, Links vom Eingang, führt ein Gang (Wenn er nicht verschüttet wäre) Sieben Kilometer lang Bis ins Ungefähre

    Autor: In Georg Böttichers Gedichten gibt es viele Wege, die ins Ungefähre führen. Viele seiner Figuren  lieben die fremden Gestade. Eine geheimnisvolle Sehnsucht zieht sie ins Unbekannte, möglichst weit weg vom hier und jetzt. Auch ihn selbst zieht es hinaus in die Ferne, als Seemann und Weltenbummler. Sie haben noch nie von Georg Bötticher gehört? Dann kennen sie ihn sicher unter seinem Pseudonym: Joachim Ringelnatz. Berühmt geworden ist er mit seinen Hamburger Ameisen, deren Fernweh jedoch schnell von der Realität eingeholt wird:

Sprecher: Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
da taten ihnen die Beine weh.
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.
So will man oft und kann doch nicht
und leistet dann recht gern Verzicht.

Autor: Guten Morgen liebe Zuhörerinn und lieber Zuhörer. Mein Name ist Oliver Metz.Ich bin Mitglied der Evangelischen Kirchengemeinde von Rheydt. Schon seit Kindertagen begleiten mich die Gedichte von Ringelnatz und seine Sehnsucht nach der Ferne, nach dem weiten Meer. Noch heute bekomme ich glänzende Augen, wenn ich die schönen Fotos in den Reiseprospekten sehe.

Musik: Ballhaus: Die neuen Fernen

Autor: Am 7. August 1883 wird Joachim Ringelnatz geboren, mitten hinein in das deutsche Kaiserreich, wo die kreative Freiheit von einer Moral eingeengt wird, die so steif und eng ist wie die gestärkten Kragen und Mieder der Herrschaften aus der gehobenen Gesellschaft. Schon als Kind fällt es ihm schwer, sich damit zu arrangieren. Als Quintaner geht er während der Schulpause zur Völkerschau im Zoo neben der Schule und lässt sich von einer Samoanerin den Unterarm tätowieren. Die Lehrer sieht er als "respektfordernde Dunkelmenschen“ und im Klassenbuch wird über ihn vermerkt: „Ein Schulrüpel ersten Ranges, aus lauter Ungezogenheiten zusammengesetzt.“ Seine kindliche Freude an abenteuerlichen Absurditäten, die Opposition gegenüber Respektspersonen und Autoritäten im Allgemeinen ist ihm sein Leben lang erhalten geblieben und hat den Ton seiner Texte geprägt.

Sprecher: Kindergebetchen

Lieber Gott mit Christussohn,
ach schenk mir doch ein Grammophon.
Ich bin ein ungezognes Kind,
weil meine Eltern Säufer sind.
Verzeih mir, dass ich gähne.
Beschütze mich in aller Not,
mach meine Eltern noch nicht tot
und schenk der Oma Zähne.

Musik: Benny Greb: Polka

Autor: 1901, im Alter von gerade mal 18 Jahren, hat Ringelnatz sein erstes Ziel erreicht: Er arbeitet als Schiffsjunge auf dem Segelschiff Elli, auf der Suche nach fernen Küsten und exotischen Ländern. Seine Erfahrungen sind jedoch ernüchternd. Der sächselnde,
kleingewachsene Hans wird Zielscheibe von Beleidigungen, Schikanen und körperlicher Gewalt. In Belize reißt er aus, verirrt sich im Urwald und wird wieder aufgegriffen. Kurzerhand wechselt er auf ein anderes Schiff und verbringt die nächsten zwei Jahre auf den sieben Weltmeeren. 1903 wird ihm die weitere Ausübung des Matrosenberufes jedoch untersagt, - wegen mangelnder Sehschärfe.

Musik: Ballhaus: Ein Seemann

Autor: Nach seiner Seefahrerzeit probiert er jeden nur erdenklichen Job aus, darunter (in alphabetischer Reihenfolge): Archivar, Bänkelsänger, Bibliothekar, Buchhalter, Fremdenführer, Gartenbaugehilfe, Kaufmann, Kommis, Musiker, Postler, Reisbüroangestellter, Schaufensterdekorateur, Unternehmer, Verlagsangestellter und Werbetexter. Auf der Bühne spielt er den wilden Seemann Kuddel Daddeldu.

Musik: Maegi Koreen: Hafenkneipe

Autor: Aus der Sehnsucht nach der weiten Welt ist die Freude am Rollenwechsel geworden. Die Charade mit wechselnden Masken bestimmt nun sein Leben und seine Texte. Abwechselnd schlüpft er in die Rollen von Gewichthebern und Bettlern, identifiziert sich mit einer Lumpensammlerin oder einem Lackschuh, auch Stachelschweine, Teekessel und Nagelfeilen gehören zu seinem Repertoire. Die vielen Maskeraden geraten ihm zu einer Weltflucht, hinter der die Realität zurücktritt.

Sprecher:  Berta und ich gehen zum Maskenball

Gänse, die als Prinzessinnen sich weiden.
Schafsköpfe, die als Schafskopf sich verkleiden.
Türken, die eine Bettlerin
Mit „Frau Geheimrat“ titulieren,
Cowboys mit Oberlehrerminen. –
Nur die dabei verdienen und bedienen,
Erkennen solchen Unfugs Sinn.
Und beinah nur für diese Wenigen
Mischen wir andern uns auf buntem Teller
Zum außerordentlichen italienischen
Salat, als Stückchen dran und drin.
Berta, frisier dich etwas schneller!
Weil ich ein fertig angezogener Chinese bin.
Es braust ein Ruf wie Donnerhall, -
Berta, wir gehen zum Faschingsball,
zu Karnevallerie Kravall,
Pot-Pickles, Mixed-Pourri und Drall.
Denn mancherlei im Leben – vielerlei! -,
Das man nicht sagt, lässt tanzen sich und grölen.
Und köstlich ist ein unverbindlich Küssen.

Musik: Maegi Koreen: Berta und ich gehen zum Maskenball

Autor: Ein zeitgenössischer Kritiker gibt folgende Gebrauchsanweisung für das Lesen von Ringelnatz Gedichten: „Auf der Diele muss ein dicker Teppich liegen, damit man gelegentlich Kopf stehen und mit den Beinen strampeln kann.“ Aber Joachim Ringelnatz beherrscht nicht nur das komische Fach. Zunehmend mischen sich in seine Texte auch nachdenkliche, kritische Töne. Er wird zu einem detailbewussten Beobachter sozialer Milieus und beschreibt das harte Leben der einfachen Leute mit großer Empathie.

Sprecher: Chansonette

War ein echter Prinz und hat Wanzen im Bett.
Und kniete vor jeder Schleife.
Vaters Leiche lag auf dem Bügelbrett
Und roch nach Genever und Seife.

Wenn der Pfaffe unter meine Röcke schielt,
Sagt die Alte, werd‘ ich Geld bekommen.
Meinem Bruder, der so schön Flöte spielt,
Haben sie die Nieren rausgenommen.

Glaubst du noch an Gott? Und spielst du Lotterie?
Meine Schwester kommt im Juli nieder.
Doch der Kerl ist ein gemeines Vieh.
Schenk  mir zwanzig Mark; du kriegst sie wieder.

Außerdem: ich brauche ein Korsett,
Und ein Nadelchen mit blauen Steinen.
In ein Kloster möchte ich. Oder bei’s Ballett.
Manchmal muss ich ganz von selber weinen.

Musik: Yann Tiersen: Pas si simple

Autor: Nach einer kurzen Phase der kreativen Freiheit in der Weimarer Republik kommt in Deutschland die Zeit der geistigen und künstlerischen Verarmung und mutwilligen Verstümmelung des kulturellen Lebens. Jegliche Form von Individualität und Eigenständigkeit wird von den Nationalsozialisten geächtet. Wer abweicht vom Programm der Gleichschaltung wird mundtot gemacht und aus der Gesellschaft entfernt. Hier hilft keine Flucht. Für den Sprung in die weite Ferne fehlt Ringelnatz das Geld und das Abtauchen in fantasievolle Charaden ist den neuen Machthabern verhasst. Ringelnatz bekommt Auftrittsverbot und seine Bücher gehörten zu den ersten, die am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz verbrannt werden. Die Zuversicht auf höheren Beistand
verlässt ihn aber nie ganz. Im ‚Gebetchen‘, einem seiner letzten Gedichte,  schreibt Ringelnatz:

Sprecher: „Betet, wenn ihr’s selber wollt.
Dann aber mutig und ganz wahr.
Und lasst euch keines Falles
Dann sagen, was ihr beten sollt.
Gott kennt euch und weiß alles.
Vertraut ihm euer Herzeleid,
Und dankt ihm wenn ihr glücklich seid.
Und schämt euch nicht. Nein, lacht sogar.
Weil beten nützt, wenn’s ehrlich war.“

Musik: Benny Greb: Schaf

Autor: Gott kennt uns und weiß alles. Wie weit wir auch fahren, und sei es bis ans äußerste Meer, Gott lässt nicht von uns. Das wusste auch schon der Psalmist. Und welches Kostüm wir auch anlegen, unter welcher Maske unser Gesicht verschwinden mag, Gott sieht unser Herz an, nicht das, was vor Augen ist. Seine ausgestreckte Hand ist immer das Angebot: Wenn du dich verlierst in der Fremde, zwischen deinen Charaden und Täuschungen, hier ist dein Zuhause, deine Zuflucht. Dass wir alle in Gottes Hand geborgen sind, egal wo wir uns aufhalten und für wen wir selbst uns halten, so hat ganz sicher auch Joachim Ringelnatz empfunden. Auf die Frage: „Was würden sie tun, wenn sie das neue Jahr regieren könnten?“, antwortet er:

Sprecher: Ich würde vor Aufregung wahrscheinlich
Die ersten Nächte schlaflos verbringen
Und darauf tagelang ängstlich und kleinlich
Ganz dumme, selbstsüchtige Pläne schwingen
Dann – hoffentlich – aber laut lachen
Und endlich den lieben Gott abends leise
Bitten, doch wieder nach seiner Weise
Das neue Jahr göttlich selber zu machen.

Autor: Wie viel mehr Spaß macht das Anlegen von Kostümen und Masken im Karneval, wenn ich weiß: Es gibt einen, der uns immer erkennt! Auch dieses Jahr wurde von Gott in seiner göttlichen Weise selber gemacht und uns geschenkt. Wohin auch immer dieses Jahr mich führen mag, ich kann nicht in die Irre gehen, denn Gott ist für mich da. Er durchschaut die Maskeraden, denn er kennt mich seit Anbeginn. Welche Rolle ich auch annehme, welches Karnevalskostüm ich anlegen mag, er sieht mein wahres Gesicht und gibt mir die Sicherheit: Ich bin wunderbar gemacht und bin bei ihm geborgen! Wie und wo immer sie Karneval verbringen mögen, ich wünsche Ihnen viel Freude beim Kostümieren und Rollenwechsel! Ihr Oliver Metz von der Evangelischen Kirche.

Musik: Schäl Sick Brass Band: Moderne Zeiten

Quellen:

Texte:
Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte. Diogenes, Zürich 1994;
Joachim Ringelnatz: Weihnachten mit Ringelnatz, ausgewählt von Daniel Kampa. Diogenes, Zürich 2009;

Musik:
Ballhaus: Die neuen Fernen. CD: Die neuen Fernen.
Ballhaus: Ein Seemann. CD: Die neuen Fernen.
Maegi Koreen: Bertha und ich gehen zum Maskenball. CD: Tieferer Unsinn.
Maegi Koreen: Hafenkneipe. CD: Tieferer Unsinn.
Schäl Sick Brass Band: Moderne Zeiten. CD: Maza Meze.
Yann Tiersen: Pas si simple. CD: Rue des Cascades.
Benny Greb: Schaf. CD: Brass Band.
Benny Greb: Polka. CD: Brass Band,.

Audiobeitrag Gott kennt euch und weiß alles - Joachim Ringelnatz


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