Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.02.11, Pfarrer Sven Keppler

Leise Stimme

Für ein paar Minuten war ich ein Fischer in Israel. Ich arbeitete am See von Genezareth. Vor mir lag die Chance meines Lebens.

Ein Mann kam zu mir und forderte mich auf, mit ihm zu gehen. Wohin, sagte er nicht. Aber ich würde endlich alles hinter mir lassen können. Die Gleichförmigkeit. Die Spannungen in der Familie. Ich würde neue Erfahrungen machen können. Es war genau so, wie es im Markusevangelium steht:

Jesus ging am See von Genezareth entlang. Er sah zwei Fischer, die gerade ihre Netze auswarfen. Jesus rief sie zu sich. „Begleitet mich, ihr sollt ab jetzt nach Menschen fischen.“ Die beiden hießen Simon und Andreas. Ohne zu zögern schlossen sie sich Jesus an. Gemeinsam gingen sie weiter und trafen noch zwei Fischer: Jakobus und Johannes. Die brachten gerade ihre Netze in Ordnung. Jesus forderte auch sie auf, mit ihm zu kommen. Auch die beiden entschieden sich sofort. Ihren Vater Zebedäus ließen sie mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück.

Für mich war das Ganze nur eine Rolle. In einer größeren Gruppe spielten wir die biblische Geschichte, wie Jesus die ersten Jünger beruft. Jede Rolle durfte von beliebig vielen Mitspielenden besetzt werden. Jeder sollte sich in die Person hineindenken, die ihm am nächsten lag. Die meisten sahen sich als Zebedäus. Der Vater, der von seinen Söhnen verlassen wird – in ihm konnten sich viele wiederfinden.

Und sie hatten ganz ähnliche Gründe dafür: „Ich konnte es gar nicht fassen, so plötzlich kam das.“ „Mir fehlten die Worte.“ „Ich bin tief enttäuscht. Wir haben die Söhne großgezogen. Ihnen eine Ausbildung gegeben. Und jetzt? Nicht mal ein Wort des Dankes!“ „Wer soll denn den Betrieb in Zukunft übernehmen? Wer wird für mich und meine Frau sorgen, wenn wir Hilfe brauchen??“

Einen Menschen verlieren. Sich ungerecht behandelt fühlen. In eine unsichere Zukunft blicken und nicht wissen, wie man sich verhalten soll. Diese Erfahrungen waren vielen sehr nah. Vertraute Sorgen.

Dann wurde ich gefragt, wie ich als Sohn das alles erlebt hätte. Ich erzählte vom Auf und Ab meiner Gefühle. Erst war ich glücklich. Ich dachte: Wunderbar, endlich kann ich alles hinter mir lassen. Aber dann kamen die Zweifel: Kann ich dem Unbekannten vertrauen, mit dem ich gehen soll? Was wird aus meinen Eltern? Darf ich sie allein lassen? Aber die Sehnsucht nach neuen, tiefen Erfahrungen war stärker.

Zum Schluss meldete sich noch ein anderer Zebedäus. Eine Frau aus unserer Gruppe, die bislang nichts gesagt hatte. „Vielleicht ist es ja auch eine Chance für die Jungs. Dass sie mal rauskommen. Dass sie was sehen von der Welt. Jesus scheint sie ja sehr beeindruckt zu haben. Vielleicht lernen sie bei ihm etwas, was sie hier nicht gefunden hätten. Und dann kommen sie irgendwann freiwillig zurück.“ Diese leise Stimme fand ich großartig. Nach all der notwendigen Klage war plötzlich der Blick frei für die anderen. Für die Söhne und ihre große Chance zum Aufbruch in ein neues Leben mit Gott. Hatte Zebedäus erkannt, dass er doch nicht ohne Unterstützung war? Hatte er sich daran erinnert, dass auch er mal jung war? Hatte er seine eigenen Sehnsüchte wiederentdeckt? Jedenfalls konnte er uns Söhne frei geben und sich selbst auf etwas Neues einlassen. Diesem Vater war ich dankbar.

Audiobeitrag Leise Stimme


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