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Alternativlos
Morgens am Waschbecken legt mir meine kleine Tochter die Hand auf den Bauch. Wenn Du eine Mama bist, dann bekommst Du das Baby.
Vor zwei Wochen hat meine Schwägerin ein Kind bekommen. Und meine Tochter war schwer beeindruckt. Erst von dem großen Bauch und dann von dem kleinen Jungen. Sie meint, ich könnte demnächst ja auch eine Mama werden und ein Baby bekommen. Nein, sage ich, das geht nicht. Ich bin ein Mann. Da kann ich doch keine Mama werden. Mamas sind nur Frauen. Aber sie lässt sich nicht abbringen: Dann bist Du eine Frau und dann bekommst Du ein Baby. Im Hintergrund meldet der Rundfunk: Alternativlos sei das Unwort des Jahres. Und ich denke: Wie schlau meine Tochter mit ihren zwei Jahren doch ist. Nichts ist alternativlos. Ich hätte genauso gut als Frau zur Welt kommen können.
Jedes Jahr wählt eine Jury das Unwort des Jahres. Diesmal ist es alternativlos. So hat die Kanzlerin die Finanzhilfe für Griechenland genannt. Andere Politiker erklären die Gesundheitsreform für alternativlos, den Stuttgarter Bahnhofsneubau oder den Ausbau des Frankfurter Flughafens. Der Sprecher der Jury ist der Germanist Horst Dieter Schlosser. Er begründet die Wahl: Das Wort suggeriert, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion gebe. Behauptungen dieser Art sind 2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken.
Schlosser sagt aber auch, dass er nicht das Wort an sich kritisiert. In seinen Augen gibt es genügend Möglichkeiten, es sinnvoll einzusetzen. Schade, denke ich. Alternativlos ist also gar kein Unwort, sondern nur ein Unwörtchen. Man kann es falsch benutzen, aber auch richtig. Da hätte ich mir doch etwas mehr Mut gewünscht. Denn von meiner Tochter habe ich gelernt: Nichts ist alternativlos. Man braucht nur genug innere Freiheit, mal etwas zu denken, was man angeblich nicht denken darf .
Lernen kann man das vor allem bei Jesus. Einmal wollten die Ordnungshüter eine Ehebrecherin steinigen. So stehe es im Gesetz, das sei alternativlos, meinten sie. Aber Jesus lehrte sie umzudenken. Ein andermal dachten alle, die epileptischen Anfälle eines Jungen wären unheilbar. Jesus machte den Knaben gesund. Und er riet dazu, auf die Kraft des Betens zu vertrauen. Nichts ist alternativlos. Dafür hat Jesus ein Bild gefunden: Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Auf, stürz dich ins Meer!, und wenn er dabei in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern fest daran glaubt, dass eintritt, was er sagt, für den wird es geschehen.
Der Glaube hilft, dass aus dem Unwort kein Unwörtchen wird. Er erweitert den Horizont. Und er zeigt, dass es mehr Möglichkeiten gibt, als man denkt. Deshalb finde ich, dass es zum Glauben keine überzeugende Alternative gibt. Wer sich gegen ihn entscheidet, dem geht leicht die Freiheit verloren. Und der Blick dafür, dass die Welt voller Alternativen ist.
Alternativlos
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