Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.02.11, Jörn Heller

Tag der Wahrheit (2. Mose 20,16)

Das wär doch mal was: ein Tag ohne Lügen. 24 Stunden, an dem jeder jedem die Wahrheit sagt und nicht nur einfach höflich ist.

Ein Tag, an dem man sagt, was man denkt, und tut, was man fühlt. An dem man völlig authentisch ist, eins mit sich selber, und erkennbar als der Mensch, der man ist. Mit allen Ecken und Kanten, mit allen Stärken und Abgründen. Mit sämtlichen Widersprüchen und Ungereimtheiten. Ein Tag, an dem man echt ist und unverfälscht.

Das wäre mal ein Tag, an dem ich nicht versuche, mir durch falsche Komplimente einen Vorteil zu verschaffen, sondern jedem gegenüber aufrichtig bleibe, ohne Rücksicht auf Verluste oder Nachteile, die sich daraus ergeben könnten. An dem ich meinen Mitmenschen unmissverständlich zu verstehen gebe, was ich von ihnen halte: deutlich sage, was mich an ihnen stört, und ebenso deutlich, was ich an ihnen mag.

Was könnte sich an solch einem Tag nicht alles verändern. Mein schwieriger Kollege könnte endlich mal sein Verhalten überdenken, mit dem er allen auf die Nerven geht, und ein bisschen damit anfangen, ein anderer Mensch zu werden. Was sich sonst keiner zu sagen traut, jetzt ist es endlich raus! Mein Chef bekäme mal zu hören, wie sehr ich – trotz allem - seine Zielstrebigkeit bewundere, mit der er den ganzen Laden am Laufen hält. Jeden Tag erfüllt er seine Pflicht, mit Sorgenfalten zwischen den ergrauten Schläfen.

Wahrscheinlich würden mir mein Chef und mein Kollege die neue Aufrichtigkeit mit gleicher Münze heimzahlen und anfangen, auch mir reinen Wein einzuschenken. Endlich wüsste ich wieder, woran ich bin und wo ich stehe, endlich würde ich mit meinem Tun nicht mehr im Nebel herumstochern, sondern mich selber in einem neuen Licht sehen. Ich würde mit ganz anderem Selbstbewusstsein ans Werk gehen, gezielt an mir und meinen Schwächen arbeiten, und mich wieder neu an dem freuen, was ich kann.

Ein Tag voller Wahrheit, was könnte sich an solch einem Tag nicht alles zum Guten wenden! Der graue Alltag bekäme wieder Farbe und die fade Suppe wieder Salz. Schade nur, dass sich so ein Tag nicht einrichten lässt. Es gibt im Leben einfach zu viele Widerstände, die sich der Wahrheit in den Weg stellen. Aufrichtigkeit kostet nämlich Kraft. Viel bequemer ist es, den Mund zu halten und sich in gebückter Haltung freundlich-friedlich durchzumauscheln.

Das weiß auch Gott, denn sonst wäre er wohl kaum auf die Idee gekommen, seine Liebe zur Wahrheit als ein Gebot zu formulieren, und dieses Gebot lautet: „Du sollst vor deinem Mitmenschen nicht als Lügner auftreten.“

So unwahrscheinlich ein Tag der Wahrheit auch immer sein mag, es verhält sich damit wie mit allen Geboten, die uns vom Himmel verordnet werden: Man wird sie niemals ganz realisieren können, aber fängt am besten heute mit ihnen an!

Audiobeitrag Tag der Wahrheit (2. Mose 20,16)


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