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Gegenhalten! (Römer 12,21)
Na, das geht ja gut los! Man ahnt nichts Böses, ist guter Laune, sieht dem Tag gelassen entgegen, und plötzlich taucht eine jener grauenvollen Personen auf,
bei denen man am liebsten schlagartig die Flucht ergreift. In meinem Falle war das Grauen weiblich, im fortgeschrittenen Rentenalter, mit dem stampfenden Gang eines Nilpferds und einem Gesicht, in dem geballte Verachtung die Haut zu grimmigen Knautschfalten zusammenschiebt.
Es ging um Grußhefte für Krankenbesuche. Die wollte sie mitnehmen, es waren aber nicht genügend da. Doch eigentlich war das Anliegen der Alten völlig unerheblich, denn was die Alte vor allem wollte, war: Streit. Wenn sie schlecht drauf war, dann war nicht einzusehen, warum es anderen Menschen besser gehen sollte. Gerechtigkeit muss eben sein. Auge um Auge, Zahn um Zahn! Und: schlechte Laune gegen schlechte Laune!
Ich weiß nicht mehr so genau, was wir uns alles um die Ohren gehauen haben. Jedenfalls war es nichts Freundliches. Nach unserer Begegnung war ich auf hundertachtzig. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, meine Hände zitterten, mein Blutdruck war deutlich gestiegen.
Ich hatte noch nicht ganz die Fassung wiedererlangt, da schoss mir mit einem Mal die Jahreslosung durch den Kopf: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem! Danach wusste ich, dass ich auch dem Bibeltext gegenüber den Kürzeren gezogen hatte.
Nun bin ich nicht der Meinung, dass man immer nur klein beigeben sollte. Ich finde es richtig, Menschen in ihre Schranken zu weisen, die einfach zu weit gehen. Und ich gestatte niemandem, der mir auf die rechte Wange schlägt, mir danach auch noch den Schädel einzuschlagen. Nein, ich finde, in bestimmten Situationen ist Gegenhalten durchaus angebracht. Es fragt sich aber, womit man gegenhält. Die Jahreslosung rät dazu, das Gute gegenzuhalten, nein, sie rät nicht dazu, sie fordert dazu auf. Und beweist damit, dass Bibeltexte kein frommes Geschmuse für zarte Gemüter sind, sondern manchmal knochenharte Zumutungen für gewöhnliche Alltagsmenschen.
Zumutungen, die aber ihren Sinn haben. Das war mir nach der Begegnung mit dem alten Drachen klar. Wir beide haben uns mit unserer schnaubenden Wut gegenseitig den Tag verdorben. Und damit war keinem von uns geholfen. Wer weiß, mit welchen Empfindungen die Alte abgezogen wäre, wenn es mir gelungen wäre, ihrem Grimm etwas Freundliches, Einladendes entgegenzusetzen. Ich hätte ihr einen Platz anbieten können, sie fragen können, wie es ihr geht. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob sich dann in ihrer Knautschzone ein Lächeln breit gemacht hätte, doch immerhin, es wäre den Versuch wert gewesen.
Was soll´s, das nächste Mal werde ich es noch einmal probieren, noch einmal anders probieren. Wenn ich Glück habe, kommt der alte Drache ja noch mal wieder, geht dann mit einer Stirnfalte weniger nach Hause und ich mit besserer Laune an die Arbeit.
Gegenhalten! (Römer 12,21)
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