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Ein Bild als Abschiedsgeschenk
So lange haben sie selten zusammen gesessen wie an diesem Abend. Es hätte eine fröhliche, unbeschwerte Runde werden können.
Denn wenige Tage zuvor, als sie in die Stadt kamen, waren sie herzlich begrüßt worden. Viele Besucher, die zum Passahfest nach Jerusalem gekommen waren, strömten auf die Straßen und jubelten dem bekannten Rabbi aus Nazareth zu. Wie ein Kriegsheld wurde Jesus in die Stadt geleitet, Palmzweige hatten die Leute auf seinen Weg gelegt, es sah aus wie ein Teppich.
Aber die Stimmung des Volkes kippt schnell, die Leute lassen einen Star leicht fallen, dem sie eben noch zugejubelt haben. Jesus spürt den Widerstand der Regierung, ahnt wohl auch schon die Lebensgefahr. So spricht er an diesem Abend immer länger und länger zu seinen Jüngern, wie ein besorgter Vater, als wollte er ihnen noch alles Wichtige zur Orientierung mit auf den Weg geben, weil er sie nun allein lassen muss. Immer wieder versichert er ihnen: ihr braucht euch vor der Welt nicht zu fürchten, wenn ihr nur die geistige Verbindung mit mir bewahrt und pflegt.
Und wie ein Abschiedsgeschenk gibt er ihnen bei diesem letzten gemeinsamen Essen noch ein eindrucksvolles Bild mit auf den Weg:
Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. (Joh. 15, 5a).
Wie Reben mit einem Weinstock, so bleiben seine Schüler zeitlebens mit ihm, ihrem Lehrer verbunden. Es ist nicht nur ein sehr herzliches persönliches Verhältnis, es ist mehr: Sie sind durch die Begegnung mit Jesus in ein ganz anderes Leben eingetreten. Sie wissen jetzt, wo sie hingehören. Sie wurzeln nicht mehr in ihrer Familie oder in ihrem Volk, sondern sie gewinnen ihre Lebenskraft aus dem Wort Gottes, das ihnen in Jesus als Mensch begegnet ist. Und wie Reben aus dem Weinstock, aus der knorrigen Pflanze, ihre Kraft beziehen, so werden alle aus dieser Begegnung mit dem Wort Gottes immer wieder Kraft zum Leben und Wirken gewinnen.
Denn, so fährt Jesus fort: Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. (Joh. 15,5b)
Das klingt vollmundig und ist doch nicht zu viel gesagt. Denn wie ein Weinstock jedes Jahr aus sich heraus neue Reben treibt und ihnen Saft und Kraft gibt, so erhalten alle Menschen ihr Leben aus einer Quelle, über die sie nicht verfügen. Der Weinstock bringt die Reben hervor und trägt sie, aus der Kraft des Weinstocks können die Reben dann auch Frucht bringen.
Die Lebenskraft der Menschen aber ist die Liebe, die sie ins Leben gerufen hat und erhält. Keiner kann sich diese Kraft selbst nehmen, jeder Mensch muss darauf vertrauen, dass er genug Kraft zum Leben jeden Tag wieder erhält, durch Erinnerung an die Worte Jesu und durch den liebevollen Zuspruch anderer Menschen.
Wenn man das so sieht, wenn man das glaubt, dann wird man ganz von selbst dankbar für das Geschenk des Lebens, aber auch unabhängig und mutig, denn man ist frei, von keinem Menschen mehr abhängig.
So nimmt der letzte Abend der Jünger mit Jesus kein fröhliches, aber doch ein tröstliches und ermutigendes Ende. Die Jünger tragen seitdem eine klare Vorstellung von der Quelle ihres Lebens in sich und verbreiten sie in alle Welt. Und alles was sie tun, ist eine dankbare Antwort auf das Geschenk des Lebens.
Ein Bild als Abschiedsgeschenk
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