Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.02.11, Prof. Dr. Schmidt-Rost

Lebenswasser

Liebe Hörerin, lieber Hörer! Am Brunnen vor dem Tore, draußen vor der Stadt Sycha mitten in Palästina, trifft Jesus eine Frau.

Es ist kein schattiger Platz unter einem Lindenbaum, sondern ein Ort an einer Handelsstraße, heute wäre das eine Autobahnraststätte, ein Ort, an dem ein Mann mit einer Frau, die er nicht kennt, ganz zufällig ein paar Worte wechselt, nicht ungestört, aber auch nicht direkt beobachtet, denn zu einer öffentlichen Wasserstelle kommen tagsüber viele Leute.

„Gib mir zu trinken!“ bittet Jesus die Frau ganz schlicht, denn er hat kein Gefäß, um aus dem Wasserloch zu schöpfen, aber sie erwidert nicht einfach: „Ja, gerne!“ – sondern macht große Augen: „Ich soll Dir Wasser schöpfen? Du bist doch ein Jude und ich eine Frau aus Samaria! Dein Volk will doch mit meinem Volk nichts zu tun haben!“ Jesus übergeht diesen Einwand. Er fährt fort: „Wenn Du wüsstest, wer ich bin, würdest Du mich um das Wasser des Lebens bitten, das ich Dir geben kann. Wer davon trinkt, wird niemals mehr Durst haben.“

Die Frau versteht natürlich, Jesus benutzt hier ein Bild, er will ihr nicht wirklich Wasser geben, darum hat er sie ja gebeten. Er spricht von unerschöpflichem Wasser, von einem Lebensstoff, der nie ausgeht, wie Licht und Luft, und so antwortet sie auch, wie sie das Bild versteht: „Ja, von diesem Lebenswasser will ich unbedingt trinken, damit mein Lebensdurst ein für allemal gestillt ist – und ich will meinen Mann holen, der soll auch davon trinken.“

Da sagt ihr Jesus auf den Kopf, als ob er sie schon lange kennen würde: „Du hast Deinen Durst nach diesem Lebensstoff in vielen Beziehungen zu Männern zu stillen versucht!“ und fügt ganz trocken hinzu: „Und der, mit dem du jetzt zusammenlebst, ist nicht einmal dein Mann“, als wollte er sagen: Meinst Du wirklich, Deinen Durst nach Leben überhaupt stillen zu können?

Das hat getroffen. Wenn dieser Fremde sie so durchschaut, dann muss er ein besonders guter Menschenkenner sein, dann hat er ihren unstillbaren Durst nach Liebe, nach Zuneigung, nach Anerkennung gespürt.

Liebe Hörerin, lieber Hörer! Der Lebensstoff, den alle Menschen zum Leben brauchen, ist Zuneigung, ist Liebe, ob sie als Lebenskraft der Eltern den Kindern ins Leben hilft oder ob sie unter Erwachsenen als Geist einer guten Partnerschaft beide stärkt und stützt und trägt. Nach dem Lebenswasser der Liebe dürsten alle Menschen alle Tage.

Wieso aber versorgt Jesus die Menschen mit diesem Lebenswasser so, dass es niemals aufhört und wie macht er das? Einfach dadurch, dass er davon spricht und sie auf die Quelle hinweist: Euer Lebensdurst wird nicht durch das gestillt, was ihr euch selbst beschaffen oder herstellen könnt, was ihr euch leisten könnt, sondern durch das, was euch geschenkt wird, was immer schon für euch bereitsteht, und als erwachsene Menschen könnt Ihr das auch verstehen. Kinder können gar nicht anders, müssen nehmen, was ihnen entgegengebracht wird. Nur wenn ihr euch öffnet für das, was euch schon gegeben ist, dann erfahrt ihr das Leben. Von dem Lebensstoff, den ihr euch selbst beschaffen müsst, davon bekommt ihr tatsächlich nie genug.

Und das ist die Botschaft dieser kleinen Begebenheit, draußen am Brunnen vor dem Tore: Über den Brunnen des lebendigen Wassers können wir nicht selbst verfügen, wir können aber merken, wo uns die Liebe anderer Menschen und die Liebe Gottes in unserem Leben zufließt.

Audiobeitrag Lebenswasser


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