Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.02.11, Prof. Dr. Schmidt-Rost

Gottes Liebe

„Gott liebt die Welt so sehr, dass er seinen einzigen Sohn in die Welt schickte.!“ Das steht im Johannsevangelium (Joh. 3,16).

Gott liebt die Welt! Johannes entwickelt kühne Vorstellungen von Gott. Er kann sich das Auftreten des Jesus von Nazareth nicht anders erklären: Gott liebt die Welt! Er beherrscht die Menschheit nicht mit Gewalt, sondern er liebt sie. Johannes denkt weiter, was er von Jesus gehört hatte. Jesus hatte sehr mutig behauptet: Gott verhält sich wie ein Vater zu allen Menschen. Das war ein ziemlich neuer und auch fremder Gedanke damals. Diese Lehre hatte ihn dann auch das Leben gekostet, denn sie gefährdete mit diesem Gedanken die Ordnung in der Gesellschaft seiner Zeit. Die klare Ordnung von Herrscher und Beherrschten wurde erschüttert. Wenn Gott nicht mit Gewalt herrscht, wie es unter Menschen üblich ist, wie dann? Kann man denn mit Liebe Einfluss nehmen?

Natürlich! Wer je von einem Menschen geliebt worden ist, der weiß, wie stark die Zuneigung eines anderen das eigene Leben verändern, ja richtig umkrempeln kann. Auf einmal traut man sich Dinge zu, die man früher nie gemacht hätte, geht wandern oder gar tanzen, wozu man weder Lust noch Geschick zu haben meinte. Oder man geht dem anderen zuliebe auf Reisen, wo man sich bisher viel lieber nur im Internet durch die Welt bewegte. Es ist keineswegs zuerst die Liebe, die man selbst für andere empfindet, die zu besonderen Anstrengungen treibt. Die Liebe, die man selbst empfindet, bleibt ja zunächst doch bei mir, ist auf mich selbst bezogen und unsicher, ob sie erwidert wird.

Aber die Liebe, die mir von einem anderen entgegenkommt, die wirkt, beeinflusst mich. Ich habe meinerseits keinen direkten Einfluss auf sie, aber sie bewegt mich. Selbst das gibt es immer wieder, dass ich die Zuneigung eines anderen gar nicht so gern habe, und sie wirkt dennoch auf mich,

Die Liebe Gottes zu den Menschen unterscheidet sich von aller Liebe von Menschen untereinander darin, dass sie immer das Beste der Menschen will, weil Gott die Menschen lieb hat, alle Menschen. Gott will unser aller Bestes. Diese Überzeugung bringt Johannes zum Ausdruck.

Gott liebt die Menschen. Wer mit Gottes Augen die Menschen betrachtet, der entdeckt das Gute an ihnen, ihre Besonderheit, ihre Schönheit. Oder umgekehrt: Auf das Gute schauen, das ist der Blick Gottes auf die Menschen.

Nun werden viele sagen: Das ist doch hoffnungslos unrealistisch, die Menschen sind nicht gut! Sagt Ihr Christen nicht selbst: Alle Menschen sind Sünder? Aber genau das ist doch unsere Sünde, die uns von Gott trennt, dass wir unsere Mitmenschen nicht mit Gottes gnädigem Auge ansehen, nicht das Gute herausfiltern und herausfinden, sondern dass, was wir für realistisch halten. Johannes sagt: Gott liebt die Welt und meint damit: Gott ist wie ein Liebhaber, der das Gute an seiner Geliebten besonders hervorhebt. Von Realismus ist da nicht die Rede.

Es fällt mir schwer, aber ich mache den Versuch immer wieder, mir meine Mitmenschen mit Gottes gütigen Augen anzusehen. Wie gesagt, es fällt mir schwer, aber ich sehe selbst bei solchen Versuchen mehr Gutes, als ich mir vorzustellen wagte.

Audiobeitrag Gottes Liebe


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