Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.02.11, Pastorin Beate Raguse

Das Wundertütenjahr

Jens ist immer ein bisschen anders als alle anderen, das kennen wir. Trotzdem sind wir überrascht, als er das Restaurant betritt.

Statt Jeans und Sakko trägt er eine graue Hose und  ein violettes Hemd. Und die nächste Überraschung folgt. Während die anderen  noch in der Speisekarte herumblättern und sich kaum zwischen all’ den Gerichten entscheiden können, schaut Jens in die Karte und sagt zu Tim: „Sag mal eine Zahl zwischen 10 und 50“. „35“ „Hm, Salat mit gebratenem Gemüse und Parmesan’’. „Ich wollte mich sowieso gesünder ernähren“, sagt Jens mit breitem Grinsen. „Ah, essen nach Zahlen“, witzelt Tim.

Jens sagt nichts. Erst als wir ihn alle fragend angucken, macht er den Mund auf. „Besser“, sagt er. Und dann erzählt er uns, dass er 2011 zum Wundertütenjahr erklärt hat. Im Wundertütenjahr muss man einmal am Tag etwas machen, was man sonst nie tut. Im Internet ein Stück von einer Band hören, die man nicht kennt. Statt mit dem Auto mal mit dem Bus zur Arbeit fahren, meditieren, wenn man sonst Ausdauersport treibt oder eben ein neues Gericht probieren. „Ist ziemlich spannend“, sagt er.

Es ist still. In den Köpfen raucht es. „Das hat was“, sagt Kerstin. Dann zögert sie. „Das hört sich jetzt vielleicht blöd an, aber Tim  und ich gehen doch immer im Park spazieren. Neulich ist unser Dackel hinter einem anderen Hund her und wir sind unsere Runde mal andersrum gegangen. Ich hab’s echt nicht für möglich gehalten, aber der Weg sieht total anders aus, man sieht ganz andere Dinge. An einer Ecke haben wir sogar eine Abbiegung verpasst, und das, wo wir da seit zehn Jahren laufen.“

„Mir fällt dabei ein, wie ich das erste mal mit einem kurzen Rock und Stiefeln aus dem Haus gegangen bin“, sagt Birgit. „Meine Mutter hat ja immer gesagt, dass ich das mit meinen Beinen nicht tragen kann. Es war in Berlin. Ich war total aufgeregt. Hab’ mich in die U-Bahn gesetzt und gedacht, jeder müsste mich ansehen, aber nichts. Es hat ne Zeit gedauert und dann bin ich wie selbstverständlich einkaufen gegangen. Und hab’ mich gefragt, wieso ich mir da so lange einen Kopf gemacht habe.“

„Ich finde die Idee mit den Zahlen witzig“, sagt Tim. „Ist euch auch schon mal aufgefallen, dass man manchmal tagelang über irgendeiner Entscheidung brütet, Listen mit Vor- und Nachteilen aufstellt, dann entscheidet man sich wohlüberlegt und letztlich ist es doch ein Griff ins...“. „Wir essen“, sagt Kerstin. „Okay“, sagt Tim, „aber ihr wisst, was ich meine.“

Den Abend über fallen uns noch viel mehr Dinge ein, die wir mal ausprobieren könnten. Und ich merke, auch ich bin infiziert. Jeden Tag was Neues machen, dass kommt mir allerdings zu stressig vor. Aber die Idee, die gefällt mir und die Haltung, die dahinter steckt. Wer öfter mal was ausprobiert, der merkt, dass das Leben unglaublich vielfältig ist, eben oft wie eine riesige Wundertüte, die Gott uns schenkt. Und wir können ihm danken, indem wir nicht immer nur das gleiche rausnehmen, sondern uns überraschen lassen, von dem, was alles drin steckt.

Audiobeitrag Das Wundertütenjahr


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