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Geheimgespräch
Jerusalem bei Nacht, kein Lichtschein dringt aus den Häusern in die Finsternis, die Straßen der Stadt liegen wie unter einer dunklen Decke.
Die schmale Mondsichel lässt Himmel und Erde noch dunkler wirken, tiefschwarz zeichnen sich die Schatten der Bäume, die Silhouetten der Hügel am Horizont ab. Sogar der Wind ist fast eingeschlafen. Wer jetzt unterwegs ist, kann sicher sein: Er wird nicht gesehen, nicht erkannt. Wer sich jetzt trifft, will sich treffen.
Zwei haben sich verabredet, ein angesehener Bürger der Stadt, Mitglied des Rats, und der Rabbi aus dem Norden, von dem viel geredet wird. Es soll keiner erfahren, dass ein Kontakt stattgefunden hat, der Ratsherr will sich nicht bei seinen Kollegen in Verruf bringen, und der Lehrer hat allen Grund vorsichtig zu sein, denn er hat sich gerade mit den Händlern im Tempel gestritten; er hat die öffentliche Ordnung gestört.
Der Ältere beginnt, er spricht überraschend respektvoll zu dem Jüngeren: Du bist ein Lehrer, von Gott gekommen, denn niemand kann die Zeichen tun, die du getan hast. Meint er etwa, er habe tatsächlich den Gesandten Gottes getroffen, von dem sich Israel sich seit langem das Heil erhofft ohne einig zu sein, wie dieses Heil wohl aussehen könnte: Befreiung von Rom, Einheit des Volkes, Leben nach dem Tod bei Gott? Oder ist er, der Ratsherr Nikodemus, nur unzufrieden mit dem System, zu dem er selbst gehört, dass er mit trägt?
Der Jüngere spürt den Respekt und die Erwartung des Älteren: Bist Du, der da kommen soll? Und er antwortet so grundsätzlich, wie es ihm möglich ist:
Die Zeichen, die ich vollbringe, meint Jesus, weisen auf das Reich Gottes, sind Zeichen, sind nicht das Reich Gottes selbst. Wer Menschen gesund oder satt macht, handelt gewiss wohltätig, aber das Reich Gottes ist kein Sozialstaat und kein Schlaraffenland, ja, es ist besser, es sich gar nicht als Land vorzustellen, sondern als eine Atmosphäre, als ein geistiges Klima, in das Menschen hineingezogen werden. Wer Gott an diesem oder jenem Ort zu finden meint, der verwechselt das Bauwerk, das Menschen gemacht haben, mit dem Geist, der sie zu diesem Kunstwerk antrieb. Es geht um den Geist, der einen Raum genauso wie eine Gruppe von Menschen erfüllen und sie zu Medien des Reiches Gottes machen kann.
Dafür kann jeder ein Gefühl entwickeln, ein Gespür Jesus bringt diesen Geist nicht in seinen Zeichen, nicht im Brot der Speisung, nicht in Krankenheilungen und auch er selbst als Person ist nur das Medium, Ich bin die Tür, das Brot, der Weinstock, ich vermittle diesen ganz anderen Geist, sagt Jesus. Das ist für uns so schwer begreifen, obwohl wir davon leben, vom Geist der Liebe.
Der Geist aber ist wie der Wind, wie der Schall, der Worte vom Mund zum Ohr trägt. Und so beendet Jesus dieses konspirative Treffen mit dem Hinweis: Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist. (Joh.3,8 )
Wie ein sanfter Wind wirkt Gottes Geist, als freundlicher Schall, der die Ohren öffnet, nicht abhängig, nicht hörig macht, sondern frei, ganz frei.
Geheimgespräch
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