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Unerhörte Einladung
Autor:Hiermit laden wir herzlich ein! dieser Satz ist in der Kirche zu Hause. Kirche lädt ein zum Gottesdienst, zu ihren Gruppen und Kreisen,
zu besonderen Festen und Vorträgen, zu Ausflügen und Veranstaltungen. Es ist für die Kirche wesentlich, dass sie einlädt; denn sie selber lebt ja von einer Einladung, nämlich von der Einladung in die Gemeinschaft mit Gott, sie lebt vom Evangelium. Von ihm her hat sie ihr einladendes Wesen, von ihm her spricht sie alle ihre Einladungen aus. Jesus ruft: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.
Guten Morgen liebe Hörerin, lieber Hörer, ich bin Henning Theurich von der evangelischen Kirche. Für viele Menschen hat die Kirche mit all ihren Veranstaltungen und Kreisen kein einladendes Wesen, keinen wirklich einladenden Charakter. Für sie hat der ganze kirchliche Betrieb eher abstoßende Züge. Sie empfinden ihn als langweilig, weltfremd, frömmelnd und belanglos. Vieles ist für sie kleinkariert und dreht sich nur um sich selber. Kirche lädt ein, aber nur wenige fühlen sich angesprochen und kommen; die meisten hören die Einladung gar nicht mehr und suchen auch gar nicht erst nach Entschuldigungen, wenn sie fernbleiben. Das war früher nicht viel anders als heute. Schon vor dreihundert Jahren schrieb der Liederdichter Friedrich Konrad Hiller: Man höret immer deine Klage, dass nicht dein Haus will werden voll.
Und wenn sie nicht kommen, dann sind Menschen in der Kirche schnell geneigt zu sagen, dass sie auch die Einladung des Evangeliums ablehnen: wenn sie nicht in unsere Gemeinschaft kommen, dann lehnen sie also auch die Gemeinschaft mit Gott ab. Aber das ist ein Vorurteil. Darum ist es gut, wenn wir in Sachen Einladung, auf Jesus selber hören.
Musik 1: Metropolitain Klezmer
Autor: Bei einer gemeinsamen Mahlzeit sagt einer der Tischgenossen zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes. Ja, so ist es: Glücklich, wer zur Gemeinschaft mit Gott gehört! Hätte Jesus dem nicht einfach zustimmen können? Aber nein, stattdessen erzählt er eine merkwürdige Geschichte, die Parabel vom großen Gastmahl:
Sprecher: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit! Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen. Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.
Musik 2: Mazzeltov
Die Geschichte vom unerhörten Gastmahl stelle ich mir als eine Tischrede vor. Jesus hält sie am Tisch eines Pharisäers, bei dem er zum Essen eingeladen ist. Er hat sich ja öfter zu Mahlzeiten einladen lassen. Und die Hauptmahlzeiten finden im Orient bis heute abends statt, wenn die größte Hitze des Tages vorüber ist und man bis in die Nacht hinein essen und trinken und erzählen kann. Was Jesus erzählt, ist tatsächlich unerhört, weil es gegen alle guten Sitten verstößt. Gastgeber können zu allen Zeiten mit ihren Gästen erstaunliche Erfahrungen machen. Eine zum Beispiel hat der Schriftsteller Theodor Fontane mit den Gratulanten an seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag gemacht und sie in einem Gedicht festgehalten:
Sprecher: Hundert Briefe sind angekommen, Ich war vor Freude wie benommen, Nur etwas verwundert über die Namen Und über die Plätze, woher sie kamen. Ich dachte, von Eitelkeit eingesungen: Du bist der Mann der Wanderungen, Du bist der Mann der märkschen Gedichte, Du bist der Mann der märkschen Geschichte, Du bist der Mann des Alten Fritzen Und derer, die mit ihm bei Tafel sitzen. Einige plaudernd, andre stumm, Erst in Sanssouci, dann in Elysium.
Autor: Doch die Absender der Geburtstagsbriefe sind nicht wie erwartet die Angehörigen des Adels, die ostelbischen Junker wie derer von Itzenplitz, sondern das sind überraschenderweise die ostpolnischen Juden, fast schon von prähistorischem Adel, wie Fontane meint:
Sprecher: Aber die zum Jubeltag kamen, Das waren doch sehr, sehr andre Namen
Abraham, Isaak, Israel, Alle Patriarchen sind zur Stell, Stellen mich freundlich an ihre Spitze, Was sollen mir da noch die Itzenplitze.
Autor: Theodor Fontane hat an seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag überraschend erfahren, dass ganz andre Gratulanten sich bei ihm einstellen, als er selbst sie erwartet hat. Die Briefe kommen nicht aus der oberen Schicht der Gesellschaft, deren Leben er oft beschrieben hat, sondern von den Juden am Rand dieser Gesellschaft nach Fontane einem Adel besonderer Art, an deren Spitze der Dichter sich gestellt sieht. Man kann sich seine Gratulanten nicht aussuchen, aber man kann sie sich gefallen lassen. Anders ist es in der Geschichte, die Jesus erzählt. Zwar sind es auch hier am Ende ganz andere Leute, als ursprünglich geladen waren, aber immerhin waren sie doch eingeladen und nicht bloß zufällige Gäste. Es ist nicht nur überraschend, sondern unerhört, wie ein Gastgeber hier von allen seinen geladenen Gästen versetzt wird. Kaum vorstellbar, dieser Affront!
Da sind die Zwei, die noch dringende Geschäfte zu erledigen haben. Der eine ist im Begriff, ein Grundstück zu kaufen, und will es noch bevor es dunkel wird, besichtigen. Ähnlich bei dem zweiten: er will fünf Gespanne Ochsen kaufen und will sie sich jetzt noch eben ansehen, damit er nicht die Katze im Sack kauft. Diese Entschuldigungen der beiden wohlhabenden Kaufleute müssen also nicht unbedingt glatte Absagen sein. Ein großes Gastmahl dauert meistens bis weit in die Nacht hinein. Die beiden können also auch gemeint haben: Wir können noch nicht sofort kommen, wir haben noch dringende Geschäfte, danach aber kommen wir. Bitte, entschuldige, dass wir erst später kommen. Bei dem dritten allerdings handelt es sich wohl um eine eindeutige Absage: er hat geheiratet, und wer könnte das nicht verstehen?! Nach der Hochzeit fährt das Brautpaar in die Flitterwochen.
Als der Diener dies seinem Herrn meldet, da wird der Gastgeber zornig. Ihm fehlen jetzt auf einmal alle geladenen Gäste. Was soll er tun? Das Fest ausfallen lassen? Nein! Kurz entschlossen plant er um: er schickt seinen Diener auf die Straßen, um dort die ersten besten, die er findet, einzuladen. Und die ersten besten auf der Straße, das sind nicht nur im Orient die Bettler, die Blinden, die Lahmen, die Krüppel, die Armen. Sie leben auf der Straße, sie machen Platte, die Obdachlosen und Nichtsesshaften, diese Entwurzelten und Taugenichtse, mit denen kein Staat zu machen ist. Sie sind jetzt die geladenen Gäste.
Aber immer noch ist Platz; also geht der Diener noch einmal los, jetzt sogar vor die Stadt auf die Landstraßen, um auch die Landstreicher und Durchwanderer hereinzunötigen; denn auch die ärmsten und elendsten Menschen haben ihren Stolz und man muss sie mehrfach auffordern zu kommen und zuzulangen. Nötigen das hat hier nichts mit Gewalt zu tun, sondern ist so gemeint, wie man bei Tisch die Gäste freundlich auffordert: Lassen Sie sich bitte nicht nötigen! Denn in manchen Gegenden, in Hinterpommern etwa oder Ostpreußen gehörte es geradezu zum guten Ton, dass man sich vom Gastgeber erst mehrfach nötigen ließ, bevor man zulangte.
Endlich ist das Haus voll, das Gastmahl ist gerettet, und die Stimmung kann man sich vorstellen: erst ungläubiges Staunen und Zurückhaltung, dann taut man allmählich auf und wird fröhlich, bis schließlich alles in unbändige Ausgelassenheit mündet. Der Unglaube in den Augen ist reiner Freude auf den vom Wein geröteten Gesichtern gewichen. Ein Gastmahl ist ja schließlich keine puritanische Versammlung.
Musik 3: Mechaye
Autor: Wozu hat Jesus die Geschichte vom umfunktionierten Gastmahl erzählt? Wo liegt für uns der Witz bei dieser fröhlichen Revolution?
Zunächst einmal wird davor gewarnt, vor lauter Arbeit und Betriebsamkeit wichtige Dinge im Leben zu verpassen. Die Geschäfte nehmen viele Menschen so sehr in Anspruch, dass sie die Einladung zum Fest versäumen. Das wäre nicht besonders schlimm, wenn es sich hierbei um irgendeine Einladung handelte. Aber das Gastmahl, die festliche Tischgemeinschaft ist ein uraltes Bild für die gelungene Gemeinschaft von Menschen vor Gott, ein Symbol für das Reich Gottes. Schon von Mose und seinen Leuten heißt es, nachdem Gott mit dem Volk Israel den Bund geschlossen hatte: Sie schauten Gott, aßen und tranken. Und zu Recht sagt der Tischgenosse bei Jesus: Selig ist, wer am Mahl im Reiche Gottes teilnehmen wird! Um dieses Gastmahl geht es in der unerhörten Einladung: um die gelungene und fröhliche Gemeinschaft von Menschen in der Gegenwart Gottes. Die Stunde zu dieser Einladung darf nicht versäumt werden.
Weiter wird versichert, dass Gott sich sein Fest nicht nehmen lässt. Das Gastmahl findet statt, trotz aller Entschuldigungen und Absagen. Das zu hören ist tröstlich: Gottes Fest findet statt, auf jeden Fall! Die Einladung gilt, es kommt darauf an, pünktlich zu sein. Wann aber ist die Zeit dazu da? Wir meinen vielleicht: irgendwann später, wenn überhaupt. Jesus aber meint: nicht erst später, sondern jetzt und hier beginnt Gott sein Fest. Es findet unbedingt statt, aber die Gäste können wechseln.
Hiermit laden wir herzlich ein - die Kirche wird auch in Zukunft diesen Satz gebrauchen. Kirche hat dieses einladende und freundliche Wesen, weil sie zum Gastmahl im Reich Gottes einlädt. Es ist ihre Aufgabe, die Einladung auszusprechen an jedermann.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag. Mein Name ist Henning Theurich, von der evangelischen Kirche in Bonn.
Musik 4: The Brandeis Bardin Klezmer Ensemble
Unerhörte Einladung
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