Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.01.11, Pfarrer Eko Alberts

Fasten?

Liebe Hörerin, lieber Hörer, ist Fasten für Sie eigentlich ein Thema? Dabei meine ich jetzt nicht das Schlankheitsfasten, um ein paar Kilo zu verlieren.

Ich rede vom Fasten aus religiösen Gründen. Also noch einmal: ist Fasten für Sie ein Thema? So sehr, dass Sie im Gespräch darüber mit anderen  in einen Streit geraten könnten? Ich kann mir das nicht so gut vorstellen. Ob man z.B. nach traditioneller katholischer und erst recht islamischer Frömmigkeit bestimmte Fastenzeiten wahrnimmt, oder sich eher traditionell evangelisch eine große Freiheit gönnt, ist für mich nicht wirklich spannend. Für beides gibt es gute Argumente. Toleranz ist hier angesagt, nicht Streit. Doch eines der ersten Streitgespräche, in die Jesus Christus hineingezogen wird, handelt ausgerechnet über das Fasten. Das war den Menschen damals gar nicht unwichtig und beliebig. Es ist ihnen aufgefallen: die Leute um Johannes, dem Täufer, fasten. Die frommen Pharisäer tun es auch. Aber Jesus und seine Jünger fasten nicht. Wieso eigentlich die einen und die anderen nicht?

Johannes hatte am Jordan gerufen: Das Gottesreich ist nahe, kehrt um, lasst euch taufen! Seine Leute fasten nun in der Erwartung der Gottesherrschaft. Ihr Fasten ist Ausdruck ihrer Sehnsucht, ihres tiefsten Verlangens, dass Gott kommt, Recht zu schaffen und seine Versprechen einzulösen. Für ihn und seine Herrschaft wollen sie bereit sein.

Dann sind da andere, die auch fasten: die Pharisäer, fromme Menschen also. Sie fasten als Ausdruck ihrer Buße. Sie gestehen damit Schuld und Versagen. Stellen sich vor Gott und bekennen, dass sie Sünder sind. Muss einer erst einmal tun! Auch ihr Fasten ist ein Zeichen dafür, dass sie auf dem Weg zu Gott sind.

Alle, die hier fasten, drücken Verlangen nach der Nähe Gottes aus. Sie suchen Gott und seine Gegenwart. Sie suchen nicht sich selbst und wollen nicht besser scheinen als sie sind. Das muss man ihnen nicht unterstellen. Sie erwarten den Gott, der sich seinem Volk versprochen hat, sie möchten ihn erreichen. Jesus wird gefragt: Warum fasten deine Jünger, deine Schüler nicht? Haben sie denn nicht dieselbe Sehnsucht, die gleiche Hoffnung, die gleiche Erwartung? Jesu antwortet mit einem Bild: Wer ist denn auf einer Hochzeit und fastet? Wer wird denn, Gesundheit vorausgesetzt, beim Hochzeitsessen dasitzen und Essen und Trinken ablehnen und sagen: nein, danke, ich faste gerade, weil ich warte, bis der Bräutigam da ist!? Das wäre doch unsinnig?! Denn der Bräutigam ist doch da! Er ist gekommen. Das Fest hat begonnen! Braut und Bräutigam zusammen, Himmel und Erde vereint - da kann man doch nicht still und stumm dasitzen, wie bestellt und nicht abgeholt?! Der Tanz hat begonnen, wem zuckt es da nicht in den Füßen? Das Festessen duftet, wer bekommt da nicht Appetit? So sieht es für die Jesusjünger aus. Für sie ist Gottes befreiende Herrschaft in  Jesus Christus angebrochen.

Darum fasten sie nicht. Sie sollen, sie dürfen erkennen, erleben: Jesus ist nicht noch ein weiterer Prophet, nicht noch ein Frommer oder Religionsstifter; nein, er ist Gottes Nähe selbst. In ihm nimmt Gottes Herrschaft auf dieser Erde Gestalt an. Alles, was sie hören und erleben mit diesem Jesus von Nazareth ist der unumkehrbare Anfang des Reiches Gottes. Sicher, es wird der  Tag ohne den Bräutigam kommen, der Karfreitag, der Todestag, an dem alles verloren scheint. Da werden sie nicht anders können, als zu trauern und fasten. Erfahrungen der Gottesferne wird es auch danach immer wieder geben. Dann ist fasten angesagt. Aber nicht der Tod und die Gottesferne werden das letzte Wort behalten. Als Auferstandener wird Jesus Christus immer wieder zum Leben und zum Fest rufen. Und wo er gegenwärtig ist, muss man nicht fasten.

Audiobeitrag Fasten?


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