Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.01.11, Pfarrer Eko Alberts

Gut in Form?

Liebe Hörerin, lieber Hörer, sind Sie heute gut in Form? Von mir weiß ich das morgens noch nicht so genau.

Meistens entscheidet sich das erst nach ein paar Stunden im Laufe des Tages. Aber gut in Form sein möchte ich schon. Wer will das eigentlich nicht? Nicht nur Sportler oder Leistungsträger. Wer sein Leben genießen will, sollte gut in Form sein. Und wer es nur mühsam bewältigen kann, braucht für sich auch eine gute Form. Dafür kann man natürlich etwas tun: Üben und trainieren, sich gesund ernähren, sich beraten und notfalls ärztlich behandeln lassen... Und wenn alles nichts hilft?

Eine der ersten Geschichten im Markusevangelium in der Bibel erzählt von einem, dem alles nichts geholfen hat. Er ist nicht nur krank – er hat eine Krankheit, vor der alle Angst haben: Aussatz, heute Lepra genannt. Gefürchtet war sie, wie später die Pest. Oder wie heute Aids. Sie löste sofort einen Reflex aus, der signalisierte: „Bleib weg von uns... Du bist unrein. Du bist ein schwarzes Schaf.“ Und nicht nur das, auch: „Du bist von Gott gestraft. Du bist unrein, gesellschaftsunfähig.“ Ausgeschlossen vom öffentlichen Leben ist er also, ausgeschlossen auch von der Glaubensgemeinde. „Unrein, unrein!!“ muss er selber rufen und andere warnen, damit er keinem zu nahe kommt. So sind wir Menschen: wir wollen am liebsten nur von denen umgeben sein, die gut in Form sind, die Erfolg haben, die Leistung bringen und Vitalität verbreiten. Die anderen, die könnten uns ja anstecken, wie faulendes Obst, sie könnten uns schwächen. Aus Angst halten wir sie fern. Und diese  Angst pflegen wir, die kultivieren wir. Darum werden nicht nur Unterschiede gesehen und Grenzen gezogen, es wird auch ausgegrenzt und sortiert. Die Maßstäbe unserer Beurteilungen für die Form der anderen sind oft hart und gnadenlos.

Der ausgegrenzte Mensch aus der biblischen Geschichte will sich aber so nicht behandeln lassen. Er will nicht so leben und sterben. Er glaubt nicht, dass Gott ihn auch wegjagt. Er hat von Jesus gehört – und dass der keine Angst vor den Menschen hat; auch nicht vor den Kranken. Einigen hat er schon geholfen. Also macht er sich auf den Weg zu Jesus. Dem wirft er sich zu Füßen: „Willst du, so kannst du mich reinigen!“ (Markus 1,40)  Jesus, du siehst doch: Ich bin nicht gut in Form. Keiner will mit mir zu tun haben. Die Menschen weichen zur Seite. Sie haben Angst, sich mit mir schmutzig zu machen. Sie wollen rein bleiben. Sie fürchten so um ihre zarten Hände, um ihre weiße Weste, um ihren Wohlgeruch bei Gott. Nichts Krankes soll sie stören...

Und Jesus? Dem krampft sich das Herz im Leibe zusammen. Dem tut das weh bis ins Herz. Und was tut er? Er berührt den Unreinen mit der Hand.

Nun ist er selbst auch unrein. Er gibt dem, der gar nicht gut in Form ist, seine Hand. Und sagt: „Ich will dir helfen; sei rein!“ (Markus 1,41) Jesus schiebt ihn nicht ab, er grenzt ihn nicht aus; er hat keine Angst, er ekelt sich nicht, aber er leidet tief mit. So erlöst er ihn. Der aussätzig war, muss nicht mehr allein und einsam leben und sterben. Er darf zu Gott gehören – und soll sofort zum Tempel, damit die Priester sehen und erklären können: Du bist wirklich rein! Ob er das gemacht hat? Davon erzählt die Geschichte nicht. Aber dass der Mann glücklich ist, das berichtet sie. Und das zählt. Übrigens: die Evangelien erzählen von keinem Fall, dass jemand die Nähe Jesu Christi umsonst gesucht hätte.

Audiobeitrag Gut in Form?


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