Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.01.11, Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Bibelsonntag

Morgen ist Bibelsonntag. Das wissen Sie vielleicht, wenn Sie zu denjenigen gehören, die sich aktiv am Leben der örtlichen Kirchengemeinde beteiligen.

 Möglicherweise haben Sie deshalb auch in den vergangenen  Tagen an der Bibelwoche teilgenommen, die mit dem morgigen Bibelsonntag abschließt.

Wenn Sie dagegen zu der großen Mehrheit der Bevölkerung gehören, die, egal ob Mitglieder der Kirche oder Nicht-Mitglieder, zur Gemeinde vor Ort ein eher distanziertes Verhältnis haben, dann geht’s Ihnen vielleicht ähnlich wie Lothar. Lothar ist ein guter Freund von mir und fragte mich, als wir dieser Tage im Gespräch zufällig drauf kamen: „Bibelsonntag? Wieso das denn? Ein Extrasonntag für die Bibel? Wenn ihr in der Kirche an die Bibel glaubt, dann müsste doch jeden Sonntag Bibelsonntag sein.“

Ich habe überlegt, ob ich Lothar erklären soll, dass Christen nicht an die Bibel glauben, sondern an das, was in der Bibel steht. Für Theologen ist das ein wichtiger und bedeutsamer Unterschied. Wir glauben ja eben nicht an ein Buch, nicht an bedrucktes Papier. Aber ob sich Lothar für diese feine Unterscheidung interessiert hätte? Da war ich mir nicht so sicher. Stattdessen habe ich also gesagt, dass Bibelwoche und Bibelsonntag alljährlich daran erinnern, dass die Bibel für das Leben und die Botschaft der Kirche eine besonders zentrale und grundlegende Bedeutung hat. „Für welche?“ hat Lothar sofort zurückgefragt. „Evangelen? Katholen?“ Für alle, habe ich erwidert. Denn tatsächlich: Der morgige Bibelsonntag wird weltweit in nahezu allen christlichen Konfessionen begangen. „Ja, schön und gut“, meinte Lothar ab-schließend. „Dann könntet ihr euch ja endlich mal zu der einen umfassenden Bibelkirche zusammenschließen. Dann würden Leute wie ich auch nicht immer den Überblick verlieren.“

Das klingt einleuchtend. Ist es aber nicht. Wenn man wirklich mal reinguckt, dann versteht man erst richtig, warum die Bibel auch das Buch der Bücher heißt. Man merkt schnell, dass es da schon ganz am Anfang zwei ziemlich unterschiedliche Vorstellungen davon gibt, wie eigentlich die Welt entstanden ist. Dass von dem Gott des Friedens und der Liebe auch ziemlich blutrünstige Sachen erzählt werden. Dass zur Zeit der ersten Christenheit offenbar in jeder Stadt und jedem Dorf die Leute eine andere Vorstellung von der Bedeutung Jesu hatten. Dass der Apostel Paulus, der nicht nur ein großer Prediger, sondern auch ein großer Organisator war, sich wohl kaum mit so phantastischen Visionen abgegeben hat wie der Mensch, der hin-ter der Offenbarung des Johannes steckt.

Der Kanon, also die in der Antike abgeschlossene Sammlung der biblischen Bücher, begründet, wie es Ernst Käsemann, ein Theologe aus dem vorigen Jahrhundert mal gesagt hat, eben nicht die Einheit der Kirche, sondern die Vielfalt der Konfessionen. Die eine Bibel ist kein Parteiprogramm, aus dem man weltweit und ein für alle Mal ableiten kann, was wahr und was falsch und wer auf Linie und wer draußen vor ist. Die Wahrheit der Bibel ist eine, die sich Menschen im Fragen und Hören, im einsamen Lesen wie im gemeinsamen Diskutieren und Streiten immer wieder neu aneignen können und müssen. Dabei erlebt man seine blauen Wunder, die wertvoller sind, als es jede weltweite Einheitskirche je sein könnte.

Audiobeitrag Bibelsonntag


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