Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.01.11, Pfarrer Klaus Eberl

Betty Reis

In den vergangenen Monaten ist häufig über Integration und den Dialog der Religionen diskutiert worden. Eine wichtige Aufgabe in einem Land, das sich rasant verändert.

Das zwischen Traditionsabbruch und Beschwörung der christlichen Wurzeln taumelt. Unsere Gesellschaft lernt nur mühsam, wie unterschiedliche Kulturen und Glaubensüberzeugungen respektvoll miteinander umgehen können. Welche Rahmenbedingungen dabei zu beachten sind.

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, mein Name ist Klaus Eberl. Ich bin evangelischer Pfarrer und Oberkirchenrat der Rheinischen Landeskirche. Während der hitzigen Debatten um die fragwürdigen Thesen eines ehemaligen Bundesbankers habe ich oft an die Geschichte jüdischer Bürger in Wassenberg denken müssen - eine Kleinstadt nahe der niederländischen Grenze, wo ich wohne. Seit Jahrhunderten hatten sie hier ihr Zuhause. Sie erlebten Zeiten verheerender Verfolgungen und rassistischer Repressalien, aber auch Phasen der Anerkennung und fröhlicher Gemeinschaft. Mitte des 19. Jahrhunderts schenkte ihnen der Bürgermeister ein Grundstück, auf dem sie ihre kleine Synagoge errichten konnten, unmittelbar neben der evangelischen Hofkirche. Die gute Nachbarschaft wirkte sich positiv aus. Um 1900 trafen sich der Synagogenvorsteher, der evangelische Pfarrer und der katholische Propst häufig zum Frühschoppen. Auch die anderen Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren gut integriert. Sie arbeiten als Kaufleute, Viehhändler, Schneider. Sie engagierten sich im Heimatverein. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, zogen sie mit ihren Nachbarn an die Front. Sie waren respektierte Mitbürger - bis sich 1933 alles änderte.

Musikblende: CD Comedian Harmonists: Greatest Hits Vol. 1 (LC 0193) Nr. 7, Irgendwo auf der Welt

Autor: Betty Reis war ein jüdisches Mädchen aus Wassenberg. Sie wurde 1921 geboren. Das kleine Haus, in dem sie zur Welt kam, steht noch. Sie wohnte dort mit ihren Eltern, ihrem Bruder Walter und einem Onkel. Hinter dem Haus gab es Ställe für Kühe, Kälber und Ziegen, die der Vater auf den Viehmärkten verkaufte.

1928 kam Betty in die Schule, wie alle jüdischen Kinder in die einklassige evangelische Volksschule. Denn die jüdische Gemeinde war nur knapp 30 Mitglieder stark. Die Synagoge wurde geachtet, der Sabbat treu gehalten. Das Wort Antisemitismus war damals noch ein Fremdwort. Die Kinder der Stadt spielten miteinander. Betty war eine gute Schülerin – mit ein paar Schwächen in Mathe und Erdkunde.

Mit der Machtübernahme Hitlers änderte sich die Situation schlagartig. Ihr Lehrer, der vorher freundlich mit ihr umgegangen war, entwickelte sich zum fanatischen NS-Jugendführer und Antisemiten. Als Mitglied der Deutschen Christen bekämpfte er - wie er sagte - das „jüdisch verseuchte Christentum“ und ersetzte die Kreuze in den Schulen durch Hitler-Bilder. Sein schlechter Einfluss machte den jüdischen Kindern das Leben schwer. Die Stimmung in der Stadt kippte. Zunehmend mieden die Mitschüler den Kontakt mit Betty. Noch schlimmer wurde es, als das Fach Rassekunde auf den Lehrplan kam. Der Lehrer mißbrauchte Betty und ihren Bruder Walter als Anschauungsobjekte einer absurden Rassetheorie. Gleichzeitig wurden Hunger und Armut zu Hausgenossen der Famlie Reis. Sie fanden keine Arbeit mehr, wurden vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Hätten nicht einige Nachbarn heimlich Milch, Mehl oder Kartoffeln zugesteckt, wäre ein Überleben nicht möglich gewesen. Ende 1937 gelang es Betty endlich, eine Stelle in Solingen als Dienstmädchen anzunehmen. Das Glück währte aber nur kurze Zeit. Die systematische Verfolgung jüdischer Bürger griff immer weiter um sich.

Trauriger Höhepunkt vor dem Krieg war die Reichspogromnacht im November 1938. Auch in Wassenberg zogen SS und SA zur Synagoge, zerstörten das Portal, schändeten die Thora-Rollen und zündeten das kleine Gebäude an, das für die jüdische Gemeinde 100 Jahre lang religiöse Heimat war. Vom Rauch angelockt strömten die Leute neugierig herbei, ohne die Brandstifter zu hindern. Nur von einem ist überliefert, dass er ausrief: „Ihr Verbrecher! Der Gott der Juden ist auch unser Gott!“

Betty und ihr Bruder Walter erlebten die Pogromnacht in Solingen. Walter war dort nicht bekannt. Betty aber war als Jüdin gemeldet, wurde aus dem Haus gerissen, in einen Keller verschleppt und machte dort körperlich und seelisch Unvorstellbares durch. Als gebrochene junge Frau kehrte sie nach Wassenberg zurück und wurde von ihrer Mutter gesundgepflegt.

Fortan gab es nur noch einen Gedanken: Weg aus Deutschland! Walter gelang es, im März `39 über die Niederlande nach England zu fliehen. Aber Bettys Fluchtversuche scheiterten. Der beginnende Krieg machte ihre Situation nicht einfacher. Die gesamte Habe der Familie Reis wurde beschlagnahmt. Sie wurde mit anderen Juden in einem Ghetto in Heinsberg zusammengepfercht. - Nach der Wannseekonferenz und der dort beschlossenen „Endlösung der Judenfrage“ nahm das Grauen seinen erbarmungslosen Lauf. Auch für Betty. Ihr Leidensweg brachte sie nach mehreren Deportationen über das Ghetto im polnischen Lodz nach Auschwitz und Bergen-Belsen. Dort kam sie im Dezember 1944 um. Niemand kennt ihr Grab.

Musikblende: CD Jan Gabarek: Legend of the Seven Dreams (LC 2516) Nr. 8, Mirror Stone I

Autor: Wahrscheinlich wäre das Schicksal der Betty Reis längst vergessen, hätte nicht Heribert Heinrichs, der Chronist der Stadt Wassenberg, ihre Geschichte recherchiert und Kontakt mit dem inzwischen in Canada lebenden Bruder Walter aufgenommen. Zum Gedenktag der Pogromnacht 1988 hat die Theatergruppe der Evangelischen Kirchengemeinde die Geschichte der Synagoge und das Schicksal Bettys bearbeitet und in einer historischen Revue dargestellt.

Ein Theaterstück mit Folgen. Das Presbyterium der evangelischen Gemeinde beantragte, der neu errichteten Gesamtschule der Stadt den Namen von Betty Reis zu geben. Um die Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Greueltaten wach zu halten. Um ein Leitbild des Respekts vor Minderheiten zu entwickeln. Um zum interreligiösen Dialog zu ermutigen. Der Stadtrat stimmte zu. 1990 wurde die Betty Reis Gesamtschule gegründet.

Da geschah, was niemand zu hoffen wagte: Walter Reis, Bettys Bruder, meldete sich aus Canada und besuchte die Schule. Nach dem Holocaust wollte er Deutschland eigentlich nie mehr betreten. Jetzt kam er, da seine ermordete Schwester ja in gewisser Weise eine Mitschülerin sei. Walter Reis diskutierte mit der Schulgemeinde über den Nationalsozialismus; über den notwendigen Dialog der Religionen, in den er wie selbstverständlich auch den Islam einbezog; über die Würde des Menschen. Eine Brücke in die Vergangenheit. Eine Furt in die Zukunft. Er lehrte Respekt vor dem Anderen und Toleranz. Unterschiedliche Begabungen und Kulturen sind keine Barriere. Sie können Bereicherung sein. - Er kam immer wieder. Jedes Jahr. Er bekräftigte alte Freundschaften mit den wenigen, die Familie Reis in der Zeit der Not unterstützt hatten. Er knüpfte neue. Er sorgte dafür, dass alte Wunden heilen und vernarben konnten.

Walter Reis war ein weiser Mann, ausgestattet mit einer großen Menschenfreundlichkeit. Seiner Heimatstadt, die ihm und seiner Familie so viel Leid zufügte, machte er ein unverfügbares Geschenk: Versöhnung.

Als Walter 2006 verstarb, wurde er seinem Wunsch gemäß auf dem alten jüdischen Friedhof in Wassenberg beerdigt. Schülerinnen und Schüler der Betty Reis Gesamtschule besuchen noch immer regelmäßig das Grab. Dort steht mittlerweile auch ein Gedenkstein für Betty und ihre Familie.

Musikblende: CD Jan Gabarek: Legend of the Seven Dreams (LC 2516) Nr. 1, He Comes From The North

Autor: Nein, Deutschland schafft sich nicht ab, wenn es den Dialog der Religionen voranbringt. Der Lernprozess ist kompliziert und mühsam. 1980 entschloss sich die Evangelischen Kirche im Rheinland „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“. Ihr gleichnamiger Synodalbeschluss war damals wegweisend und ist es bis heute. Er hat großes Aufsehen erregt und vor einigen Jahren zur Änderung des Grundartikels der Kirchenordnung geführt. Dort heißt es nun:

Sprecher: „(Die Evangelische Kirche im Rheinland) bezeugt die Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israel festhält. Mit Israel hofft sie auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“

Gewiss, der Dialog mit dem Islam, der heute als große Aufgabe vor Augen steht, ist ungleich schwieriger. Kulturelle und institutionelle Hürden sind zu überwinden. Enttäuschung und Misstrauen machen sich immer wieder breit. Ein guter Anknüpfungspunkt für eine hoffnungsvolle Veränderung ist auch hier die Schule. Deshalb unterstützen die Kirchen einen islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache, der nach den Regelungen des Grundgesetzes „in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften“ erteilt wird. Das bedeutet zweierlei: Erstens ist es staatliche Angelegenheit, solch einen Religionsunterricht zu ordnen und durchzuführen sowie die Lehrer an deutschen Universitäten auszubilden. Zweitens ist es Aufgabe der Religionsgemeinschaften Ziele und Inhalte nach ihren Grundsätzen zu bestimmen. Der - weltanschaulich neutrale - Staat hat sich aus den Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Grund der Hoffnung herauszuhalten - eine Erkenntnis aus der Zeit des Nationalsozialismus. Der konfessionelle Religionsunterricht ist nämlich Ausdruck des Rechts auf Religionsfreiheit.

Dadurch kann gelingen, was Ziel des Religionsunterrichts ist: Religiöse Identität zu stärken und die Verständigung der Religionen zu ermöglichen. Walter Reis hat gewußt, dass es keine Alternative zum Leitbild versöhnter Verschiedenheit gibt. Er hat diese Versöhnung gelebt.

Ich verabschiede mich von Ihnen, liebe Hörerin und lieber Hörer, und wünsche ihnen noch einen gesegneten Sonntag.

Musikblende: CD Klangfarben. Musik für Raum und Zeit. O. Hirschegger/U. Klingel Medienverband der Evangelischen Kirche im Rheinland,  Nr. 6, Magenta
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Literatur: Heribert Heinrichs: Wassenberg. Geschichte eines Lebensraumes, Mönchengladbach 1987

Audiobeitrag Betty Reis


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