Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.01.11, Pastor Martin Vogt

„Hilf, Herr, meines Lebens“ (eg 419)

Autor: An diesem Morgen wachte er früher auf als sonst. Er stand auf, zog seinen Bademantel an und kochte Kaffee.

   Dann setzte er sich mit der dampfenden Tasse an den Esstisch und sah nach draußen. Heute war der Geburtstag seiner Frau. Aber sie war nicht mehr da. Es war schon ein paar Wochen her, dass er an ihrem offenen Grab gestanden hatte. Aber heute fehlte sie ihm ganz besonders.

Choral 1 / 1. Strophe: Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens, / dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.

Autor: In letzter Zeit fragte er sich oft, ob sein Leben vergebens war. Er hatte viel erreicht, keine Frage. Er hatte sich in der Firma hochgearbeitet und gut verdient. Aber was zählte das jetzt noch? Irgendwann wurde ihm bewusst, wie viel Zeit seines Lebens schon verstrichen war. Da entschloss er sich, früher in den Ruhestand zu gehen. Er wollte endlich mit seiner Frau all das machen, was früher nicht möglich war: gemeinsame Theater- und Konzertbesuche, Ausflüge, gemütlich Essengehen. So hatte er sich das vorgestellt. Aber daraus wurde nicht viel. Ihre Zeit verflog schneller, als er ahnen konnte.

Sprecherin: Unser Leben währet 70 Jahre und wenn’s hoch kommt, so sind’s 80 Jahre und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon. (Psalm 90,10)

Autor: Diesen Bibelvers hatte die Pastorin bei der Trauerfeier vorgelesen. Er war daran hängengeblieben. Denn in der Tat erschien ihm das, was er aufgebaut hatte, wie vergebliche Mühe. Was hatte er eigentlich erreichen wollen? Sicherheit? Reichtum? Luxus? Hatte er sich selbst beweisen wollen, wie weit er die Karriereleiter hochklettern konnte? Aber durch seinen Ehrgeiz hatte er sich immer mehr von seiner Familie entfernt.

Choral 1 / 2. Strophe: Hilf, Herr meiner Tage, dass ich nicht zur Plage, / dass ich nicht zur Plage meinem Nächsten bin.

Autor: Die Arbeit hatte den größten Teil seiner Zeit und Energie aufgebraucht. Seine Frau und seine Tochter mussten mit dem vorlieb nehmen, was noch übrig blieb. Und das war oft nicht mehr als Ungeduld, Reizbarkeit und Müdigkeit. Seine Frau hatte das hingenommen. Seine Tochter dagegen hatte ihm ein paar Mal deutlich gezeigt, wie sehr sie beide unter der Situation litten. Aber er hatte ihr nicht geglaubt, ihr nicht glauben wollen. Es lief doch so gut, und der Erfolg war doch da, und sie lebten doch alle im Wohlstand …

Choral 1 / 3. Strophe: Hilf, Herr meiner Stunden, dass ich nicht gebunden, / dass ich nicht gebunden an mich selber bin.

Autor: Seine Frau und seine Tochter hätten sicherlich auf etwas Wohlstand verzichtet, wenn er dafür mehr zu Hause gewesen wäre. Wenn er nicht nur in der Firma Verantwortung übernommen hätte, sondern auch als Vater und Ehemann. Wenn er nach den Bedürfnissen anderer gefragt hätte und nicht nur nach seinem Ehrgeiz. So aber war er in der Regel nicht da, wenn er gebraucht wurde.

Choral 1 / 4. Strophe: Hilf, Herr meiner Seele, dass ich dort nicht fehle, / dass ich dort nicht fehle, wo ich nötig bin.

Autor: Allmählich bekam er den Eindruck, dass sich seine Gedanken nur noch im Kreis drehten. Aber was sollte er tun? Mit irgendwem reden? Sich jemandem anvertrauen? In den letzten Wochen ihrer Krankheit betete seine Frau häufiger. Manchmal war er dabei. Und irgendwann faltete er auch die Hände. Es war ihm fremd. Aber seine Frau sagte, dass es ihr gut tat. Es half ihr, alles vor Gott zu bringen: die Schmerzen, ihre Trauer und das Gefühl, ihr zerrinnt die Lebenskraft zwischen den Fingern.

Dass in einer solchen Situation Beten hilfreich sein kann, leuchtete ihm ein. Aber seit dem Tod seiner Frau hatte er es nicht mehr getan. Er hätte auch gar nicht gewusst, was er sagen und wie er es richtig formulieren sollte. Wie sollte er überhaupt anfangen? Für die Anrede „Lieber Gott“ fühlte er sich zu alt. Außerdem konnte er Gott doch wohl kaum erzählen, wie sinnlos ihm sein Leben gerade vorkam!

Choral 1 / 5. Strophe: Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens, / dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.

Autor: Das Lied „Hilf, Herr meines Lebens“ will genau dazu Mut machen. Es will zeigen: Im Gebet können wir Gott alles sagen, was uns auf dem Herzen liegt, was uns umtreibt, worüber wir unbedingt mal mit jemandem reden müssen. Wir können Gott auch mit unseren persönlichen Fragen, unseren Klagen oder Bitten konfrontieren. Wir dürfen vor ihm ganz offen sein, ganz direkt, ganz ungeschönt. So wie in diesen vier Liedstrophen, von denen jede einzelne ein kurzes Gebet ist:

Sprecherin: Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.
Hilf, Herr meiner Tage, dass ich nicht zur Plage meinem Nächsten bin.
Hilf, Herr meiner Stunden, dass ich nicht gebunden an mich selber bin.
Hilf, Herr meiner Seele, dass ich dort nicht fehle, wo ich nötig bin.

Autor: Die Bitte um Hilfe steht im Vordergrund dieses gesungenen Gebetes. Hans Puls komponierte 1962 die Melodie. Im gleichen Jahr schrieb Gustav Lohmann den Text. Er kannte Fragen nach der Vergeblichkeit des Lebens aus seiner eigenen Biographie. Denn er war als Pfarrer 1934 in die NSDAP eingetreten. Später hatte er deswegen Schwierigkeiten bekommen. Sein Text ist aber nicht nur von seinen Erfahrungen geprägt. Sondern auch von der Überzeugung, dass es wichtig ist, die eigenen Lebensfragen vor Gott zu bringen. Deshalb ist in den Bitten seines Textes auch immer eine Aussage enthalten: Hilf, Herr, denn Du bist der Herr meines Lebens, meiner Tage, meiner Stunden, ja meiner Seele.

Dahinter steckt ein doppeltes Vertrauen: Gott hat nicht nur die Möglichkeit, zu helfen. Er ist auch bereit, es zu tun. Deshalb ist Gott genau der richtige Ansprechpartner für alle unsere Anliegen. Gerade wenn wir selbst nicht mehr weiter wissen. Das unterstreicht auch der Kanon, der dem ursprünglichen Lied im Evangelischen Gesangbuch beigefügt wurde. Er greift den letzten Vers des Matthäusevangeliums auf, das mit einer Zusage Jesu endet:

Sprecherin: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage.“ (Matthäus 28,20)

Orgelmusik 2

Autor: Unser Leben ist zwar begrenzt und erscheint uns mitunter sogar vergeblich. Aber Gott ist bei uns an jedem Tag unseres Lebens. Auch an den schweren Tagen, auch an den trüben und traurigen. Wir können uns darauf verlassen, dass Gott uns hilft, diese Tage zu überstehen. Dass er uns hilft, aus dem herauszukommen, was unser Leben eng und traurig macht. Denn er weiß einen Weg, auf dem unser Leben weitergehen kann. Und er hilft uns, diesen Weg zu finden.
 
Orgelmusik 2

Musikinformationen:

1. Jugendchor an St Aegidius Rheda-Wiedenbrück
Vocalensemble St Aegidius,
Ltg.: Jürgen Wüstefeld
Komponist: Puls, Hans
Textdichter: Lohmann, Gustav

2. CD-Titel:   Jan Janca, „Organ Works“ 
Titel: Organ Versets von „Hilf, Herr meines Lebens“
CD-Verlag und Ort: Musikproduktion Dabringshaus und Grimm, Detmold
Solist:   Ludger Lohmann
Komponist:   Jan Janca unter Verwendung einer Melodie von Hans Puls
Organist:  Ludger Lohmann an der Rieger-Orgel, St. Johannes, Tübingen

Audiobeitrag „Hilf, Herr, meines Lebens“ (eg 419)


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