Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.01.11, Pfarrerin Annette Krüger

Vergiss das gute nicht

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Vor ein paar Tagen habe ich Susanne wieder getroffen. Wir hatten uns lange nicht gesehen.

 „Ich wünsche Dir ein gutes neues Jahr!“, sagte ich zu ihr. „Ein gutes Jahr! Das hoffe ich, dass es das wird. Das letzte kannst Du nämlich vergessen:“ sagt sie. Und dann erzählt sie, dass ihre Mutter im Sommer gestürzt ist, Oberschenkelhalsbruch. Seit dem ist sie pflegebedürftig und es ist nicht immer einfach mit ihr. Der Stress im Beruf wird immer größer, ständig gibt es irgendwelche Veränderungen im Betrieb, nie kann man eine Sache in Ruhe zu Ende bringen. Im lang ersehnten Urlaub hat es dann auch fast nur geregnet, und so kam eins zum Anderen. Nur nichts Gutes. Das letzte Jahr? Kannst Du vergessen.

Solche Gefühle kennen viele. In Situationen, wo es das Leben nicht gut mit uns meint, sehen wir auch nichts Gutes. Da spüren wir nur Ärger, da hadern wir mit dem Schicksal, da zweifeln wir an uns selbst, am Leben, manchmal auch an Gott. Nur: Vergessen kann man das nicht so schnell. Es ist ein Phänomen: die Dinge, die nicht so gut gelaufen sind, die Zeiten, in denen es uns schlecht ging, graben sich tief in unsere Erinnerung ein. Und das ist ein Problem. Denn wenn wir unser Leben davon bestimmen lassen, wird unwillkürlich unser Blick verstellt für andere Erfahrungen.

Im Psalm 103 steht der schöne Satz: Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Vergiss das Gute nicht!

Damit ist nicht gemeint, dass wir jedem Schlechten auch noch etwas Gutes abgewinnen sollten. Das wäre allenfalls Galgenhumor. Es ist das Gute, das trotz allem da ist, das, was Gott in unser Leben hineinlegen will. Jeden Tag erleben wir schöne Momente, an die wir uns erinnern könnten. Erinnern d.h. für mich verinnerlichen, etwas in mich aufnehmen.

Manchmal sind es winzige Kleinigkeiten, ein Lächeln, ein Händedruck, ein Lob, ein Dank. Vielleicht ein Geistesblitz, durch den wir der Lösung eines Problems auf die Spur kamen, oder das Staunen über die Schönheit der aufgehenden Knospen nach dem langen Winter, genauso wie die Postkarte, die mir sagt: Ich denke an Dich.

Aber, wie Kleinigkeiten es so an sich haben, vergisst man sie leicht oder übersieht sie unter all den großen Problemen und Herausforderungen. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, sich dafür Merkhilfen zu schaffen. Die kann man immer dann aktivieren, wenn uns gerade mal wieder gar nicht nach Loben zumute ist.

Früher haben die Menschen sich Knoten ins Taschentuch gemacht, wenn sie etwas nicht vergessen wollten. Das geht heute mit Papiertaschentüchern eher nicht. Aber wir können beispielsweise die gelungenen und guten Moment auf Zettel schreiben, sie an den Kühlschrank oder die Pinwand heften oder sie in einem, ich nenne es mal Schatzkästchen, sammeln. Sich zu erinnern an die Lichtblicke im Alltag, hat heilende Kraft für die Gegenwart. Es verschleiert nicht, dass manches schwer ist, wehtut oder misslingen kann. Aber es lässt mich aufatmen, weil ich weiß, dass Gott es gut mit mir meint. Zugleich schärft die Erinnerung meinen Blick und stärkt mich für das, was mir begegnet Tag für Tag.

Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr. Was es bringen wird, werden wir sehen. Ich hoffe es wird eins, das Sie nicht vergessen wollen.

Audiobeitrag Vergiss das gute nicht


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