Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.01.11, Pfarrerin Annette Krüger

Leere und Erfüllung

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Stellen Sie sich vor: Sie kommen nach Hause, und ihre Wohnung ist vollkommen leer geräumt!

 Nichts ist mehr da: kein Schrank, kein Teppich, keine Kleidung, kein Buch. Alles weg!

So ergeht es dem Ehepaar Ransome in einem Roman, den ich vor kurzem gelesen habe. Die beiden waren in der Oper und als sie zurückkommen, stehen sie in einer leeren Wohnung, vor ihnen nur noch der blanke Fußboden und die nackten Wände. Alles verschwunden, was sie sich in mehr als 30 Ehejahren zusammen gesammelt haben. Natürlich rufen sie die Polizei, natürlich wird der Einbruch aufgenommen. Aber nun ist nichts mehr wie es immer war.

Nach dem ersten Schock versuchen beide mit der neuen fremden Situation fertig zu werden. Sie tun das auf sehr unterschiedliche Weise. Mr. Ransome versucht vor allem Haltung zu bewahren und möglichst schnell und ohne große Worte zum Alltäglichen über zu gehen. Ihm wäre es am liebsten, wenn so bald wie möglich der alte Zustand wieder hergestellt werden könnte und sein Leben weiter in den gewohnten Bahnen verliefe.

Mrs. Ransome dagegen entdeckt in der neuen Situation ganz neue Chancen. Sie entdeckt ihre Umgebung neu, geht in Geschäfte, an denen sie früher vorüber gegangen war, weil deren Angebot nicht in ihre Welt passte. Sie kauft Möbel, weil sie bequem sind und ihr gefallen und nicht weil sie zum Gesamtbild der Einrichtung passen. Sie lernt fremde Menschen kennen, probiert vieles aus, was sie sich vor dem Einbruch selbst verboten hatte.

Mrs. Ransome blüht förmlich auf. Jeder Tag wird für sie zu einem kleinen Abenteuer und dabei spürt sie, wie überflüssig manche Dinge waren, die in ihrer Wohnung standen, ihr Leben prägten und wie befreiend es ist, loszulassen und sich auf Neues einzulassen.
In dem Roman geht die Geschichte natürlich noch weiter, der Einbruch klärt sich auf, doch die Veränderungen im Leben der Ransomes lassen sich nicht zurückdrehen.

Wir häufen in unserem Leben auch so manches an, materiellen Ballast oder auch Gewohnheiten. Wir richten uns ein in unserer Wohnung, in unserem Beruf, in unserer Freizeit, in unserem Zusammenleben. Sicher ist es gut, wenn manches seinen geregelten Gang geht, aber manchmal sind wir so verplant, zugestellt und ausgefüllt, dass uns kein Platz und keine Zeit bleiben für Überraschendes und Neues. Unser Kopf ist voll und unser Kalender sowieso. Für manche auch schon jetzt, wo das Jahr gerade erst angefangen hat.

Gelegentlich spüren wir, dass das nicht alles sein kann, aber unsere vollen Hände, unsere besetzten Gedanken und überfüllten Herzen können nichts aufnehmen. Der Kirchenvater Augustinus hat einmal gesagt: Du musst leer werden dessen, womit du gefüllt bist, auf dass du gefüllt werden kannst mit dem, dessen du leer bist.

Loslassen oder weglassen sind wohl die Zauberworte, damit wieder Platz da ist, sich auch mal verrückte Gedanken zu erlauben und etwas ganz anders zu machen als gewohnt oder man es von mir erwartet, damit Raum entsteht für überraschende Begegnungen mit Menschen, mit mir selbst, mit Gott. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen erfüllten Tag.

Buch: Alan Bennett, Cosi fan tutte, 7. Aufl. 2009, Verlag Wagenbach

Audiobeitrag Leere und Erfüllung


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