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Das Ja der Taufe
Es war eine schwere Geburt. Kurz vor dem Termin hatte Louis sich noch einmal in die Steißlage gedreht. Dennoch hatte sich seine Mutter gegen einen Kaiserschnitt entschieden
und die Ärzte hatten zugestimmt. Nach stundenlangen Wehen kam endlich der Po ans Licht. Doch dann ging es plötzlich nicht weiter. Was schoss Louis Mutter da alles durch den Kopf: Was ist mit der Nabelschnur? Was, wenn der Kleine nicht genügend Sauerstoff bekommt? Wie eine Ewigkeit kam ihr der Stillstand vor, aber nach einer kleinen Pause ging es wieder voran. Arzt und Hebamme griffen beherzt zu und der Kleine kam gesund zur Welt.
Wenige Wochen später haben ich den kleinen Louis getauft. Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Ich heiße Sven Keppler und bin evangelischer Pfarrer in Versmold. Als ich mit den Eltern von Louis die Taufe vorbereitete, erzählten sie mir gleich zu Beginn von der Geburt. Von ihren Ängsten. Und von der großen Dankbarkeit, dass der Junge gesund ist und sich prächtig entwickelt. Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Dieser Vers aus dem 91. Psalm sprach die beiden sofort an. Das ist der Spruch für Louis, wie für ihn gemacht. Der Engel war schon bei der Geburt dabei. Und das soll auch so bleiben.
2011 ist das Jahr der Taufe. Darauf machen die evangelischen Kirchen in Nordrhein-Westfalen aufmerksam. Und sie treffen damit eine Sehnsucht vieler Eltern: Ihre Kinder sollen von Gott beschützt werden. Sie sollen zu einer großen Gemeinschaft gehören. Durch ein feierliches Zeichen soll sichtbar werden: Gott sagt Ja zu unserem Kind. Die Taufe ist ein echtes Gottesgeschenk.
Gott sagt Ja zu mir. Er ist mir verbunden und nahe. Das kann ich in der Taufe ganz leiblich spüren. Eigentlich müssten wir dabei nicht nur dreimal Wasser über die Stirn gießen. Sondern der Täufling müsste untertauchen und wieder an die Luft kommen. Als Zeichen dafür, dass er mit Jesus Christus verbunden ist: Wie Jesus ins Totenreich hinab musste und zurück ins Leben kam, so kommt auch der Täufling ins Wasser und wieder heraus in ein neues Leben. So beschreibt Paulus die Taufe im Römerbrief. Als ich den Eltern von Louis davon erzählte, fanden sie das ganz schön drastisch. Die Mutter wurde nachdenklich. Dann sagte sie ernst: Ich musste gerade wieder an die Geburt denken. Diesen Moment, wo die Entscheidung über Leben und Tod fiel. Bei der Taufe ist es dann ja irgendwie auch so. Nur, dass es in jedem Fall gut ausgeht. Weil Gott ja möchte, dass wir leben. Zum Glück haben längst nicht alle Mütter und Väter so einen bangen Moment erlebt. Vielen Eltern ist es deshalb eher fremd, dass es bei der Taufe um Leben und Tod gehen soll. Sie möchten spüren: Gott sagt Ja zu meinem Kind. Wenn es gesund ist. Und auch, wenn es mit einer Behinderung auf die Welt gekommen ist. Es wird aufgenommen in die Gemeinde. Und manche denken daran, dass der Heilige Geist bei der Taufe zu Jesus kam, wie eine Taube. Damals, als er von Johannes im Jordan getauft wurde. Vor einem Jahr habe ich Wasser aus diesem Jordan mit nach Deutschland gebracht. In einer großen Mineralwasserflasche, anderthalb Liter, mit hebräischer Aufschrift. Bei der Taufe mische ich seitdem etwas von diesem Wasser dazu. Weil Jesus im Jordan getauft worden ist. Und weil Johannes der Täufer am Jordan mit dem Taufen begann. Manchmal erzähle ich den Eltern beim Taufgespräch von einem Ereignis an diesem Fluss. Denn daran wird sichtbar, was die Taufe für einen Menschen bedeuten kann.
Die Taufe hat Wurzeln, die bis in die tiefste Vergangenheit reichen. Das israelische Volk hatte nicht immer in Palästina gelebt. Jahrhundertelang hatten sie in Nordägypten gesiedelt, als Gastarbeiter. Ausgebeutet und mit der Zeit immer rechtloser. Sie hatten das Land verlassen, weil Mose ihnen eine Vision gegeben hatte: Sie sollten neu anfangen können. In einem eigenen Land. In Freiheit und ohne wirtschaftliche Not. Gott würde ihnen ein neues Leben ermöglichen. Vierzig Jahre lang waren die Flüchtlinge durch den Sinai geirrt. Dann hatten sie das östliche Ufer des Jordan erreicht. Am anderen Ufer lag das Land ihrer Hoffnung. Damals hieß es Kanaan, aber in Zukunft sollte es Israel heißen. Seit Wochen war der Jordan über die Ufer getreten. Der ansonsten recht überschaubare Fluss war schwer passierbar. Viele werden nervös gewesen sein beim Blick auf das reißende Wasser. Angespannt, ob die Überquerung gelingen würde. Ängstlich, was jenseits auf sie warten würde. Denn das Land war ja besiedelt. Würde es Kämpfe geben? Würden die Bewohner überlegen sein? Oder würde es zu einer friedlichen Einigung kommen? Niemand konnte sicher sein, ob das Leben dort wirklich freier und sicherer würde.Andere werden erregt gewesen sein, weil das Ziel endlich in Sicht war. Zuversichtlich, weil sie bald versuchen konnten, eine neue Existenz aufzubauen. Alles konnte nur besser werden. Wenn sie auf Gott vertrauten und bereit waren, sich für den Neuanfang einzusetzen.
Menschen im Übergang, vor einer großen Veränderung. Mit den unterschiedlichsten Gefühlen, so wie es ihrem jeweiligen Naturell entsprach. Nicht wenige werden insgeheim auf ein Zeichen gehofft haben. Ob sie wirklich mit dem Beistand Gottes würden rechnen können, so wie Mose es versprochen hatte. Dann brachen sie auf. Voran gingen Priester, die die Kiste mit den Zehn Geboten trugen. Später wurde erzählt: Kaum hatten ihre Füße das Wasser berührt, da standen die Fluten still. Flussaufwärts staute sich das Wasser und bildete einen Wall. Auf der anderen Seite floss es ab zum Toten Meer. Alle konnten trockenen Fußes ans andere Ufer gelangen. Die Taufe erinnert an dieses Ereignis. Johannes der Täufer hat in dem Fluss getauft, der sich für die Flüchtlinge geteilt hatte. Durch das Wasser der Taufe zu kommen ist wie durch den Fluss zu gehen. Ein entscheidender Moment in der Geschichte Israels. Aber auch eine Grunderfahrung, die jeder machen kann: Ich stehe vor einer großen Veränderung. Ich bin ungewiss, ob es mir gut damit gehen wird. Bange. Und sehne mich gleichzeitig nach dem Neuen. Ich wünsche mir, bei diesem Schritt nicht allein zu sein. Die Taufe versichert mir: Gott begleitet mich bei meinem Aufbruch. Er eröffnet mir neue Räume, in denen ich mich entfalten kann.
Die Durchquerung des Jordans erinnert an ein weiteres Ereignis, das viel bekannter ist: der Durchzug durch das Schilfmeer. Er fand vierzig Jahre vor der Querung des Jordans statt. Die Israeliten hatten Ägypten im Rücken und den Golf von Suez vor sich. Sie wurden von ägyptischen Streitkräften verfolgt. Die Menschen werden mit anderen Gefühlen am Ufer gestanden haben als später am Jordan. Todesangst. In die Enge getrieben. Vor sich das Meer. Im Rücken die Armee einer Supermacht. Panik muss die Leute ergriffen haben. Sie werden ihre Flucht verflucht haben. Werden diejenigen verwünscht haben, die ihnen Freiheit versprochen hatten. Einer rief bitter zu Mose: Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, um in der Wüste zu sterben? Später erzählte man, dass Mose seinen Stab hob und das Meer sich teilte. Trockenen Fußes zogen die Israeliten hindurch bis ans andere Ufer. Dann kam die ägyptische Streitmacht. Als sie mitten im Meer war, brachen die Fluten über der Armee zusammen. Die ganze Streitmacht versank im Meer. Ein Gericht über die Täter und ein Freispruch für die Opfer.
Juden und Christen erzählen sich das bis heute. Eine Grunderfahrung für Israel. Und wieder auch eine ganz persönliche Erfahrung, die ich in meinem Leben machen kann. Vielleicht nicht so spektakulär, aber für mich selbst mit großer Bedeutung. Ich bin in Not. Habe versucht, mein Leben zu verändern. Aber jetzt stecke ich fest. Die Kräfte, die mich bisher kaputt gemacht haben, lassen mich nicht los. Ich entkomme ihnen nicht: Vor mir ist eine Barriere, die ich nicht bezwingen kann. Ich will aufgeben. Aber plötzlich zeigt sich ein Weg, wie ich das Hindernis doch überwinden kann. Ich wage den Schritt. Und die zerstörerischen Kräfte der Vergangenheit verlieren ihre Macht. Wenn ich darin nicht Gottes Hilfe sehen kann worin dann? Die Taufe erinnert auch an diese Grunderfahrung. So, wie das Jordanwasser an das Wasser dieses Meeres erinnert. Wer getauft wird, geht zeichenhaft durch das Wasser. Die Taufe ist ein Schritt in die Freiheit. Sie stärkt das Vertrauen, dass Menschen ungute Mächte hinter sich lassen können. Dass Gott Menschen in die Freiheit führt. Und dass Gott auf der Seite der Opfer steht, nicht auf der der Täter.
Unter Gottes Schutz durchs Wasser gehen. Dinge, die mich bedrängen, verlieren ihre Macht. Was mich in der Vergangenheit gelähmt hat, kann ich abstreifen. Und stattdessen einen Schritt in die Zukunft machen. Gestärkt durch das Vertrauen, dass ich beschützt werde. Diese Erfahrung wird durch die Taufe vermittelt. Auch im Taufspruch von Louis kommt sie zur Sprache: Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. In den vergangenen Jahren hat sich knapp die Hälfte meiner Taufeltern für diesen Vers entschieden. So groß ist die Sehnsucht, dass das eigene Kind behütet aufwachsen soll. Beschützt vor allem, was wie ein bedrohliches Wasser über es hereinbrechen kann. Dabei stehen die Durchzüge durchs Wasser für Erfahrungen, die oft erst Jugendliche oder Erwachsene machen. Der Wunsch nach einer Veränderung. Negatives hinter sich lassen. Frei werden für Neues. Lebensmut und Tatkraft finden. Und dabei das Gefühl zu haben, nicht allein zu sein. Bei alledem von Gott begleitet zu werden. Im Einklang mit ihm zu leben und von ihm beschützt zu sein all das wünsche ich mir auch für mich und mein eigenes Leben. Was mir in der Taufe zugesagt worden ist, das soll immer wieder seine Kraft entfalten.
Zur Taufe gehört deshalb auch die Tauferinnerung. Damit dieses Gottesgeschenk aktuell bleibt und nicht in Vergessenheit gerät. Das Jahr der Taufe richtet sich also nicht nur an die Eltern kleiner Kinder. Sondern auch an diejenigen, deren Taufe schon lange zurückliegt. Für die vielleicht auch die Erfahrung von Gottes Nähe sehr fern liegt. Und auch an diejenigen, die noch nicht getauft sind, aber vielleicht eine Sehnsucht in sich spüren. Auch einem Erwachsenen kann ich das gut sagen: Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.
Am Mikrofon verabschiedet sich Pfarrer Sven Keppler von der Evangelischen Kirche.
Das Ja der Taufe
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