Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.01.11, Holger Pyka

Todkrank

Ich arbeite ehrenamtlich auf der Palliativstation eines Krankenhauses. Also auf der Station, wo die Menschen liegen, die nicht mehr geheilt werden können und denen

die letzte Zeit so schmerzfrei und angenehm wie möglich gestaltet werden soll. Die meisten Patienten dort sind ziemlich alt. Aber als ich gestern  in ein Zimmer komme, liegt da eine Patientin, die nicht viel älter ist als ich, so Mitte Dreißig vielleicht. Das ging mir schon nah. Ich  setzte mich zu ihr, wir plaudern. Ich frage sie, wie es ihr geht. „Den Umständen entsprechend“, sagt sie. Ich nicke, das sagen sie oft. „Die Ärzte haben gesagt, es kann gar nicht mehr so lange dauern“, sagt sie, und klingt dabei ziemlich fröhlich, „höchstens noch eine Woche, dann bin ich weg. Naja, langsam habe ich keine Lust mehr. Ich will hier raus, ich freue mich auch, wieder arbeiten zu gehen. Das Leben geht ja weiter.“ Dabei lächelt sie.

So eine krasse Form von Verdrängung habe ich noch nie erlebt. Oder weiß sie überhaupt, was mit ihr los ist?

Die Oberschwester lacht, als ich ihr die Geschichte erzähle. „Machen Sie sich mal keine Sorgen“, sagt sie, „die Patientin auf dem Zimmer hat nur einen Beinbruch, Skiunfall,  aber auf der Orthopädie ist kein Bett mehr frei,  deswegen liegt sie bei uns!“
 
Klassisches Beispiel dafür wie ich meinen eigenen Vorurteilen auf dem Leim gegangen bin. Ich habe eine Todkranke erwartet und dabei völlig übersehen, wer mir wirklich gegenüber sitzt.

Sprecherin: Alexa Christ

Audiobeitrag Todkrank


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