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Die Zeit des großen Gähnens ist vorbei
In den letzten 100 Jahren hat sich die durchschnittliche Schlafdauer der Menschen in den Industrieländern um ein Fünftel verkürzt.
Keiner weiß mehr, wie es ist, hellwach zu sein" und mit kristallklarem Bewusstsein den Alltag zu erleben. "Wir alle stehen schon nach zwei Dritteln unserer biologischen Nacht auf", klagt ein Forscher. Der menschliche Organismus kann das gesteigerte Lebenstempo nicht mehr mithalten. Unser Leben liegt auf Kollisionskurs mit unserer "inneren Uhr". Denn jede Körperfunktion hat Hoch- und Tiefphasen, die sich innerhalb von 24 Stunden, in Monaten und sogar in Jahren wiederholen, nach denen wir uns aber nicht mehr richten. Sollten wir also einfach wieder mehr schlafen? In unserer Leistungsgesellschaft eine ketzerische Empfehlung.
Statt dem Bedürfnis nach Pausen und Ruhe nachzugehen, versuchen wir viel zu häufig unseren inneren Schweinehund zu überwinden. Wir kämpfen selbst dann weiter, wenn unsere Reserven aufgebraucht sind. Paulus schreibt an die Christen in Korinth: "Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. (2. Kor. 4, 16)
Wir werden nicht mehr müde? Wie soll das funktionieren? Der neue Mensch, den Paulus meint, ist nicht der, aus dem wir selbst etwas gemacht haben, sondern der, an dem Gott etwas getan hat. Den kann man allerdings nicht wie ein neues Outfit vorzeigen. Es ist eine grundlegende Veränderung, ein innerer Machtwechsel. Das neue Leben ist auf Gott ausgerichtet. Die Christen sollen nach Paulus Vorstellung durch ihre Taufe hellwach werden. Zumindest der Teil ihrer Persönlichkeit, der mit dem Glauben beschäftigt ist, der innere Mensch. Paulus sah sich allerdings wohl umgeben von Anfängern in der Kunst des nie Müdewerdens.
Und heute sind wir kaum weiter als die Korinther. Was müssen wir anstellen, dass der innere Mensch - den Paulus beschreibt - wieder auf die Beine kommt? Wie bekommen wir die Ausstrahlung und innere Spannung, dass selbst Unbeteiligte merken: Da liegt Göttliches in der Luft. Wenn wir auf berufliche Krisensituationen, gelassen reagieren in nervenaufreibenen Diskussionen mit unseren Kindern geduldig bleiben oder in z.B. im Krankhausflur hoffnungsfroh sind.
Entspannen wir uns im Gebet. Ignorieren wir für einen Augenblick unsere Pläne. Die Prämie für diese Ignoranz ist die Muße. Gott spricht mit uns im Leisewerden, beim Nachdenken und beim Beobachten. Sich gut zu fühlen, entsteht aus dem faszinierenden Zusammenspiel von Instinkt, Intellekt und spiritueller Wachsamkeit. Setzen sie sich täglich mit den grundlegenden Themen ihres Lebens auseinander und üben sie ihre Kritikfähigkeit im Hinblick auf alle Seiten ihres Ichs. Buchen wir Gott als Reiseführer unserer Gedankenreisen. Die Sorgen relativieren sich. Natürlich hält der Glückzustand nicht kontinuierlich an. Irgendwann fallen wir wieder aus allen Wolken, auf die Füße und werden vom Alltag eingeholt.
Aber vielleicht bleibt eine Restportion Leichtigkeit, und wir müssen uns nicht mehr wie mit Gewichten an den Füßen durch den Tag schleppen. Sondern können andere beglücken mit unserer neu gewonnenen Kraft.
Die Zeit des großen Gähnens ist vorbei
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