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Ist das gerecht?
Es ist mittags um eins, und an der Haustür klingelt es Sturm. Unsere Tochter ist von der Schule zurück und strahlt übers ganze Gesicht. Papa, wir haben unser Diktat zurück!
Sie muss sofort erzählen, wie es war. Und, wie ist es gelaufen?. Ja, ja, meins war auch gut, aber stell dir vor, der Micha hat eine drei geschrieben! Sie lacht mit dem ganzen Gesicht.
Michael hat eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Er würde nach den üblichen Regeln niemals eine gute Note schreiben, sondern wohl immer nur ein mangelhaft. Doch er wird hier besonders gefördert und beim Diktat bekommt er ein eigenes Arbeitsblatt. Da zählt, was er schaffen kann, wenn er sich richtig Mühe gibt. Und dafür gibts eine ganz eigene Note. Diesmal hat er eine drei, und alle Kinder freuen sich mit. Ist das eigentlich gerecht? Kinder haben ein feines Gespür dafür, ob es gerecht zugeht oder nicht. Wehe beim Wettrennen hat einer geschummelt. Dann geht alles zurück auf Start. Bei Micha verstehen sie schnell, dass nicht alles gleich sein muss, damit es gerecht ist. Ich find das fair, sagt unsere Tochter, Er kann das ja nicht so wie die andern.
Helmut Simon, der ehemalige Bundesverfassungsrichter, hat einmal gesagt: Die Stärke einer Gesellschaft bemisst sich am Wohl der Schwachen. Ein starker Gedanke. Und ein ganz alter dazu. Schon die Bibel sagt: Tu deinen Mund auf für die Schwachen und verhilf den Armen zu ihrem Recht (Spr. 31,8). Besonders Jesus von Nazareth hat die Bedürftigen gesehen und angemahnt, dass die Schwachen ihren Platz in der Gesellschaft finden.
Viele scheinen heute vergessen zu haben, dass nicht alle alles leisten können. Soll man von einer zierlichen Bodenturnerin erwarten, dass sie beim Hochsprung die 2-Meter-Marke schafft? Wohl kaum. Sie ist ja selbst gerade mal 1,60. Oder muss der quirlige Libero aus der A-Jugend auch beim Mathe-Quiz der Beste sein? Muss er nicht.
Wichtig ist nur, dass jeder seinen Platz findet. Dass Menschen aus ihrer Begabung etwas machen können. Das wissen schon die Kinder. Lesen, rechnen, malen, musizieren niemand kann alles gleich gut. Gerade deshalb soll es fair zugehen. Jeder nach seinen Möglichkeiten und jeder nach seinen Bedürfnissen. Die Kinder leben uns die Solidarität mit den Schwachen vor. Sie freuen sich, wenn die Gemeinschaft in der Klasse stimmt. Hauptsache, Micha gehört dazu.
Haben wir Großen auch noch ein Gefühl dafür? Gerechtigkeit ist ein Beziehungswort. Die Beziehung zu den andern muss in Ordnung sein. 23 Einkommensmillionäre traten während des letzten Evangelischen Kirchentages vor die Presse und erklärten, sie wollten bitte 5% mehr Steuern zahlen. Solidarität fängt doch erst an Spaß zu machen, wenn man sowieso viel hat, so ein Sprecher damals. In der Tat. Dadurch wird längst nicht alles gleich. Unterschiede bleiben. Aber es fühlt sich gerecht an. Die Beziehung kommt in Ordnung. Die Kinder würden sagen: Es ist fair, wenn die viel geben, die viel haben. Dann gibts auch genug für die Schwachen. Damit einer wie Micha gefördert werden kann.
Beim letzten Kindergeburtstag kam ich etwas zu früh, um unsere Tochter abzuholen. Auf einer Schnur waren Bockwürstchen aufgereiht. Die Kinder mussten hochspringen, um nach den leckeren Würstchen zu schnappen. Ich lehnte im Türrahmen.
Chancengerechtigkeit, dachte ich. Ein Modewort. Jeder kann springen, jeder hat eine faire Chance, oder? Aber Robin ist viel größer!, ruft eines der Mädchen. Die Kinder meinten, bloß springen dürfen reicht nicht. Es muss auch wirklich Wurst geben. Das ist gerecht. Und erst das macht ein gutes Gefühl.
Ist das gerecht?
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