Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.01.11, Pfarrer Titus Reinmuth

Versuche dein Leben zu machen

O-Ton: Ich glaube an den Menschen. Ich denke immer, der Mensch – basicly – ist gut. Und ich hoffe, dass ich damit Recht habe.

Autor: sagt die Jüdin Margot Friedländer. Doch wer ihre Geschichte hört, kann daran Zweifel haben. Es war ein kalter Januartag 1943 in Berlin. Margot Bendheim, wie sie damals noch hieß, war auf dem Heimweg in die Skalitzer Straße 32. Die jüdische Familie hatte Vorbereitungen für ihre Flucht getroffen. Doch als Margot ankommt, sind ihr Bruder Ralph und ihre Mutter schon nicht mehr da.

O-Ton: „Versuche, dein Leben zu machen“ waren die Worte meiner Mutter, die sie mir hinterlassen hat.

Autor: Nach über 60 Jahren kehrt Margot Friedländer nach Berlin zurück. „Versuche dein Leben zu machen“, diese Worte ihrer Mutter, wurden zum Titel für ihr Buch. Darin erzählt sie ihre Geschichte von Verfolgung und Rettung. Sie war damals untergetaucht - mitten in Berlin -  ließ sich die Haare rot färben, nahm den Judenstern ab und trug fortan eine Kette mit einem Kreuz. Erst kurz vor Kriegsende wurde sie gefasst. Sie überlebte. 1946 emigrierte sie mit ihrem Mann Adolf Friedländer nach New York. Jahre und Jahrzehnte vergingen, doch erst jetzt, nach dem Tod ihres Mannes, fand sie wieder Zugang zu ihren Gedanken und Gefühlen von damals.

O-Ton: Als ich ... eines Abends nicht einschlafen konnte, hab ich mir gesagt: Ich hab wirklich mehr zu sagen. Hab mir Bleistift und Papier ins Bett genommen und habe meine erste Geschichte geschrieben.

Autor: So schreibt sie Woche für Woche eine neue Episode.

O-Ton: Angefangen von dem Tag des Untertauchens, bis zu dem Tag, wo wir nach Amerika gekommen sind, damit hab ich aufgehört.

Autor: Ihr Buch ist ausgezeichnet worden und das Fernsehen hat gerade den zweiten Dokumentarfilm gesendet. Längst ist Margot Friedländer eine gefragte Zeitzeugin. Zwei- bis dreimal in der Woche liest und diskutiert sie in Buchhandlungen, Schulen oder Kirchen.

O-Ton: Es gibt mir die Möglichkeit, etwas zu tun, was uns ja nicht mehr lange gegeben ist. Ich meine, ich bin heute 89 Jahre alt. Wie lange kann ich’s noch machen?

Autor: „Versuche, dein Leben zu machen“ – wie geht das eigentlich, wenn „die da Oben“ das Leben bestimmen, wie geht das, wenn man auf einmal Opfer wird?

O-Ton: Es gehört Kraft dazu, es gehört Mut dazu. Da ich es überlebt habe, fühle ich eine absolute Verpflichtung als Überlebende etwas zu tun, um den Menschen zu sagen, was Menschen sein sollen. Das ist: Versuche dein Leben zu machen. Versuche, es zu machen als guter Mensch.

Autor: Kann man nach einer solchen Geschichte noch an Gott glauben? Für Margot Friedländer ist die Antwort ganz einfach.

O-Ton: Ich glaube, ich habe an Gott festgehalten. Ich bin unbedingt gläubige Jüdin, ich will auch nichts anderes sein. Trotzdem glaube ich, dass wir alle denselben Gott haben. Es ist ja ganz egal, solange wir gute Menschen sind. Mein Vater hat schon immer gesagt: fromm sein heißt gut sein.

 

Audiobeitrag Versuche dein Leben zu machen


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