Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.12.10, Pfarrer Joachim Gerhardt

Vergebung

Viele Menschen, und zu denen gehöre auch ich, haben das Bedürfnis, am Jahresende Bilanz zu ziehen. Das heißt, die eigene Scheune mal gründlich durchzumisten und zu schauen:

Was habe ich mir, so übers Jahr gesehen, an Ernte eingefahren. Im guten und im schlechten Sinne. Und in der Regel ist da Einiges zusammengekommen.

Die Bibel, das mag überraschen, widerspricht dieser großen Ausmistungsaktion. Jesus, der ja gerne in bäuerlichen Bildern spricht, mahnt uns: Mensch, versuch nicht, die Spreu vom Weizen zu trennen! Das überlass mal getrost Gott, denn der hat dafür am Ende aller Zeiten eine bessere Hand.

Ein weiser Rat, wie ich finde. Weil Jesus weiß, dass wir Menschen dazu neigen, erstens: Immer genau zu wissen, was Spreu und was Weizen ist. Und zweitens: weil wir in der Gefahr stehen, mit der großen Mistgabel neben viel Unkraut ungewollt auch so manches Weizen, also Fruchtbares, auszureißen.

Also die Bitte: Kein großer Kahlschlag zum Neuen Jahr. Ich selbst werde aber dennoch heute Abend in einer ruhigen Minute selbstkritisch mal einen Blick in die eigene Scheune werfen. Und auch dafür gibt mir mein Glaube und die Bibel doch so etwas wie Werkzeug an die Hand. Es ist nicht der großen Rechen oder die gnadenlose Mistgabel. Es ist eine Kunst, die den Menschen lehrt, was er zum Leben braucht: Es ist die Kunst der Vergebung.

Fangen wir an mit der Kunst, sich selbst zu vergeben. Jesus hat seinen Jüngern empfohlen: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ Sich selbst zu lieben, heißt eben auch: Du Mensch, der du immer so perfekt sein willst und oft so hart über dich selbst urteilen kannst. Sei nachsichtig mit dir. Kein Mensch ist vollkommen. Auch Du nicht. Du musst es auch nicht und Du kannst es gar nicht sein!

Sich selbst lieben, das bedeutet für mich, mit der eigenen Unvollkommenheit seinen inneren Frieden zu machen. Denn nur, wer sich selbst nicht richtet, der kann auch anderen vergeben. Und da sind wir beim zweiten Schritt: Anderen Menschen vergeben.

Ich glaube sicher: Die Jahresbilanz fällt versöhnlicher aus, wenn es uns gelingt, auch mit anderen Menschen nachsichtig zu sein. Jesus würde sagen „barmherzig“ sein. Gottes Sohn hat das in seinem großartigsten Gebet, dem Vaterunser, eigens betont: „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, heißt es dort. Menschen, die mir etwas schuldig geblieben sind, zu vergeben – auch das ist eine Lebenskunst, die man lernen muss.

In einer guten Silvesterbilanz gehört beides zusammen: Vergeben lassen und vergeben können. Gott schenkt uns Kleingärtnern des Lebens die Kunst zu beidem. Er tut das vor allem dadurch, weil er selbst bereit ist, Menschen, die ihn ernsthaft darum bitten, zu vergeben. Diese Bitte steht im Vaterunser daher auch am Anfang aller Bilanzgedanken: „Herr, vergib uns unsere Schuld.“

Gott ist dazu bereit. Denn er weiß: Vergebung ist die Saat des Lebens. Und sie fällt auch auf meinen Acker und ich kann sie wachsen lassen. Silvester ist dafür ein guter Pflanztermin.

Audiobeitrag Vergebung


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