Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.12.10, Landessuperintendent Dr. Martin Dutzmann

In die Zeit gekommen

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging…“

 So fängt die Weihnachtsgeschichte in der Bibelübersetzung Martin Luthers an und so haben es viele Menschen in den Weihnachtsgottesdiensten auch in diesem Jahr gerne wieder gehört: „Es begab sich aber zu der Zeit…“ Und es folgen die seit der Kindheit vertrauten Szenen und Bilder: Maria und Josef auf Herbergssuche, die Geburt des Christuskindes, die Hirten auf den Feldern, die himmlischen Heerscharen und ihr Gesang: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!“

Das wesentliche ist bereits in den ersten Worten der Weihnachtsgeschichte gesagt: „Es begab sich aber zu der Zeit…“ Als zur Zeit des Kaisers Augustus in Bethlehem eine junge Frau mit Namen Maria ein Kind zur Welt bringt, geschieht nicht weniger als dies: Der ewige Gott begibt sich in die Zeit. Der Schöpfer aller Jahre, Tage und Sekunden  taucht selbst in die Zeit ein und macht sich zum Zeit-Genossen seiner Geschöpfe.

Als Gott sich zu Weihnachten in die Zeit begibt, riskiert er viel. Jedes Kind weiß, dass es im Leben nicht nur Zeiten der Freude und der Fülle sondern auch Zeiten der Entbehrung und des Leides gibt. Beidem setzt Gott sich aus: Schon kurz nachdem der Gesang der Engel verklungen ist, wird er zum Flüchtling. Mit Maria und Josef flieht er nach Ägypten, um dem Kindermord von Bethlehem zu entgehen. Später jedoch sehen wir ihn in Galiläa mit seinen Freunden fröhlich eine Hochzeit feiern und finden ihn immer wieder dort, wo festlich gegessen und getrunken wird. Zeiten der Arbeit als Arzt und Wanderprediger wechseln sich mit Zeiten der Ruhe und Einkehr ab. Am Ende dann eine Leidenszeit: Verkannt, verhöhnt, verwundet stirbt er in Jerusalem den Verbrechertod am Kreuz...

„Es begab sich aber zu der Zeit…“ Aus Liebe begibt Gott sich in die Zeit. Aus Liebe zu seinen Geschöpfen. Aus Liebe zu uns. Zu Weihnachten lässt Gott uns hören und sehen: Es gibt keine Zeit in unserem Leben, in der ER uns nicht nahe wäre. In keinem Augenblick sind wir ohne IHN.

Das zu wissen ist besonders in schweren Zeiten wichtig: Wenn wir mit unseren Plänen scheitern, wenn Menschen uns verlassen, wenn der Schatten des Todes auf uns fällt, dann ist Gott an unserer Seite.  Er hört unser Klagen. Er sieht unsere Tränen. Und er verschließt sich unserem Gebet nicht. „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten…“ heißt es in einem Psalm der Bibel. In guten Zeiten ist uns meist weniger bewusst, dass wir in Gott einen Zeit-Genossen haben Aber er begleitet uns auch in den Hoch-Zeiten unseres Lebens. Dann freut er sich, wenn wir ihm im Gebet oder mit Liedern für unser Wohlergehen danken: „Dankbare Lieder sind Weihrauch und Widder, an welchen er sich am meisten ergötzt“, heißt es in dem Morgenlied „Die güldne Sonne“ von Paul Gerhardt.

Vielleicht nutzen Sie ja den heutigen Silvestertag zum Rückblick auf das vergangene Jahr: Was ist mir an Gutem und an Schwerem widerfahren? Welche Ziele habe ich erreicht, welche verfehlt? Wem bin ich, wer ist mir etwas schuldig geblieben? Und vielleicht wagen Sie dabei auch einen Ausblick auf die kommende Zeit: Was erfüllt mich mit Sorge, was mit Vorfreude, wenn ich an das neue Jahr denke? Was nehme ich mir vor? Was will ich erreichen? Bevor Sie auf diese Fragen antworten, denken Sie an die Geschichte, die mit den Worten beginnt: „Es begab sich aber zu der Zeit, …“  Der ewige Gott hat sich auch in Ihre Zeit hinein begeben – in das Jahr, das vergangen ist und in das, das morgen beginnt. 

Audiobeitrag In die Zeit gekommen


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