Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.12.10, Pfarrer Michael Opitz

"Eine schöne Liebe..."

Autor: Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Ich heiße Michael Opitz und bin evangelischer Pfarrer in Düsseldorf.Heute geht es um die Liebe.

 Der Apostel Paulus schreibt dazu:

 Sprecherin: 1. Korinther 13, 12-13: “Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen."

Musik: Esbjörn Svensson Trio, „Serenade For The Renegade“ (CD „Strange Place For Snow“, Track 2, LC: 07644)

Autor: Maria, die Mutter Jesu, dessen Geburt wir in zwölf Tagen feiern, hat immer wieder bestimmte Beinamen bekommen. Sie sollten das Faszinierende an dieser Frau verstehen helfen. In alten Litaneien sind diese Namen aufgeführt. Maria – „Mutter der schönen Liebe“ – ist einer der Namen. Aber was ist eine „schöne Liebe“? Ist Liebe nicht immer schön? Nein, Liebe ist nicht immer schön. Denn wer liebt,  öffnet sein Herz und macht sich berührbar und verletzlich. Und ist manchmal ziemlich wehrlos und ohnmächtig, wenn der andere ihn da berührt, wo es weh tut. Auch das Scheitern einer Liebe kann nur derjenige erleben und erleiden, der geliebt hat. Und in einer Liebe nicht verstanden zu werden und nicht zu verstehen – da mag man zuweilen eine größere Einsamkeit erleben als derjenige, der allein lebt.

Liebe ist heilig, ist göttlicher Stoff. Sie hört nicht auf, weil Gott nicht aufhört. Aber uns kann sie ausgehen. Wir können liebesleer werden. Dann kommt alle Berührung an als Wärmeverlust, alles Sich-Kümmern als Übergriff. All unser Lieben bleibt Stückwerk, bruchstückhaft, leicht auch ermüdbar. Wie in einem dunklen, wie in einem beschlagenen Spiegel – um das Bild des Paulus hier aufzunehmen – sehen wir einander nur in Umrissen.

Ist die Liebe durch Ablenkungen und Gewohnheiten verdünnt, sind wir in Gefahr, den anderen nicht als Einzigartigen, sondern eher als Verlängerung von Vater, Mutter, Bruder, Schwester zu lieben, als Ergänzung eines anderen geliebten Menschen oder als Abbild dessen, wie wir selbst mal waren.

Und doch bleibt die Liebe als Sehnsucht, treibt unser Handeln an, hält uns in Suchbewegung. Etwas ist in uns allen, das zieht uns magnetisch nach vorn, als gingen wir auf ein großes übergeordnetes Geliebt-Werden zu. Der Glaube hat dafür den Namen „Gott“ gefunden.

Musik: Sting, „Lo, How A Rose E’er Blooming”  (CD „If On A Winter’s Night“, Track 6, LC: 0173)

Sprecherin „Dann aber, später, einstmals, werden wir erkannt, anerkannt, geliebt von Angesicht zu Angesicht.“

Autor: … schreibt Paulus in seinem schönen Brief. Wie mich Gott schon immer meinte, so werde ich mich sehen: Entpuppt, entwickelt, geheilt. Davon einen Hauch schon jetzt zu leben, ist unser Auftrag. Liebe irdisch – das ist, den anderen schon zu ahnen als Bruchstück Gottes in seiner einzigartigen Wunderbarkeit. Nach Martin WALSER’s Wort: „Der Mund des Gastes macht den Wein gut.“ Kann auch wohl so gelten: Der Kuss des Nächsten macht mich gut. Dein Lieben macht mich mir lieb. Jedem sei ein Mensch gewünscht, von dem er sagen kann: „Ich liebe dich, wie du bist, und ich liebe mich, wie ich bin, wenn ich bei dir bin.“

Musik: Sting, „Lo, How A Rose E’er Blooming”  (CD „If On A Winter’s Night“, Track 6, LC: 0173)

Autor: Was aber ist eine „schöne Liebe“? Immer wieder mache ich eine etwas seltsame Erfahrung: Es wird mir für die „schöne Beerdigung“ gedankt. Kann eine Beerdigung „schön“ sein? Ich glaube, das Wort „schön“ ist so eine Art Hilfswort für etwas, was ich mit „stimmig“ bezeichnen würde. Eine Beerdigung ist „schön“, wenn sie „stimmt“, wenn sie dem Verstorbenen und den Angehörigen gerecht wird, wenn sie „passt“

Und auch eine Liebe wäre dann schön, wenn sie stimmig ist. Wenn sie nicht an Erwartungen und Fixierungen gebunden ist, wenn sie den anderen frei lässt, der zu werden, der er sein will, vielleicht auch in einem spirituellen Sinne sein soll. Eine Liebe, die das Geheimnis des anderen achtet – und ihn nicht zu dem umbiegen will, wie ich ihn gern hätte. Eine Liebe, die immer mal wieder nicht begreift – und trotzdem liebt.

Der Dichter Rainer Maria Rilke war davon überzeugt, dass Frauen mehr lieben können als Männer: Er sagt:

Sprecherin: „Die Frauen haben Jahrhunderte lang die ganze Liebe geleistet, sie haben immer den vollen Dialog gespielt, beide Teile. Denn der Mann hat nur nachgesprochen und das schlecht.“

Autor: Eine schöne Liebe also wäre die, die großzügigen Kredit einräumt – ohne Garantie auf Rückzahlung. Maria hat wohl so gelebt. Diese junge Frau wird den Gott oft nicht verstanden haben, dem sie geglaubt hat. Sie hat ihren eigenen Sohn oft genug nicht verstanden. Und hat trotzdem ihr „Ja“ gesagt und ist dabei geblieben. Das ist eine „schöne Liebe“ – da ist jemand, der liebt, allen Zweifeln und Sorgen zum Trotz. Lieben heißt nicht zu warten, bis wir wissen, sondern meint manchmal auch ein Handeln auf ein Ahnen hin, im Gehorsam, im „Gehörsam“ auf die Stimme des Herzens. In dem Sinn ist „Glauben“ eine „schöne Liebe“. Glauben heißt immer auch: Nicht zu verstehen und sich doch hinzugeben.

Musik:  Sting, „ Lo, How A Rose E’er Blooming”  (CD „If On A Winter’s Night“, Track 6, LC: 0173)

In zwölf Tagen feiern wir das Fest. Wir feiern Weihnachten. Feiern ein Wunder. Feiern das Geschenk Gottes, das sein „Ja und Amen“ ist auf all seine Verheißungen. Feiern Jesus als Siegel auf die Sehnsucht, dass Gott uns liebt und braucht. Ohne Wenn und Aber – nicht als Belohnung für mein Gutsein, sondern im Vorhinein. Jesus  - so verstehe ich die Geschichten über ihn – Jesus glaubte an eine ungeheure „Bejahe-Kraft“ über der Welt und den Menschen.
Wusste eine „Wohlgefallen-Energie“ über sich, die Liebe in die Welt schickt.

Nennen wir es Engel, nennen wir es Heiliger Geist, oder eben Liebe – davon sieht Jesus die Welt erfüllt. Und er ruft uns zu, so wie er die Welt zu sehen: verheißungsvoll. Und das ist die Verheißung: Du bist geliebt, du bist gewollt, du bist gemeint, du wahrgenommen vom Geheimnis der Welt, du ins Sein gerufen, du wichtig und gut. Nicht weil du dies und das kannst oder schön bist oder nützlich oder reich. Diese Gaben können nicht wirklich beruhigen.

Sprecher: „Unruhig bleibt meine Seele, bis sie ruhet in dir…“,

Autor: … sagt der Kirchenvater Augustinus. Nein, innen bleibt die Frage: Was bin ich noch, wenn das nette Frätzchen vorbei ist und andere an mir vorbeiziehen – ist dann meine Zahlungsfähigkeit, ist dann mein sozialer Status mein menschlicher Wert?

Jesus garantiert uns mit seinem Leben: Du bist Kind Gottes, Sohn, Tochter, Erbe der Welt, zur Freiheit berufen. Du, liebe – und dann tu, was du willst.

Sprecher: „Ama et fac quod vis.“ Liebe und tu, was du willst.

Autor: Sagt der alte Kirchenvater.

Musik: Sting, „ Lo, How A Rose E’er Blooming” (CD „If On A Winter’s Night“, Track 6, LC: 0173)

Autor: Ich glaube, Weihnachten ist deswegen für viele von uns ein Trost- und Freudenbild in der Seele, weil wir als Kinder diese bedingungslose Liebe erfahren haben: Die Geschenke, den Lichterbaum, die Familie in Frieden, dieses Urvertrauen darauf, dass alles noch gut wird. Weihnachten aus Kindertagen – das ist mir ein Bild für Geliebtsein ohne Vorleistung, was wir im erwachsenen Leben nur als Gnade, als Wunder, als Ausnahme der Liebe noch bekommen und geben.

Weihnachten feiern wir die Geburt des Kindes, in dem Gott sich als Vater aller Menschen vorstellte. Im Stall geboren, am Galgen gestorben, ist dieser Mensch doch voller Glanz und Freude. Er hat als erster wohl das wahre Glück der Menschheit entdeckt, denn er hat im Alltag der Welt das Gold der Gottzugehörigkeit geschürft. Hat erwiesen, dass wir noch am Drehbuch unseres Lebens mitschreiben dürfen und jeder Tag von seiner Bestimmung her eine neue Berufung ist, froh zu werden und froh zu machen.

Weihnachten, der Nabel des Jahres, der Verfassungstag des Menschseins. Das vielleicht ist das Geheimnis von Bethlehem: Das Kind bringt Gottes Kraft: die Liebe. Eine „schöne Liebe“ ist das. Denn nur sie treibt die Furcht aus, nur sie entballt die Faust, nur sie kann das Ungelöste im Herzen heilen. Das Kind sieht uns an. Nimmt uns in die Pflicht zu lieben. Spricht uns mit seinem Lachen die Kraft zu, dass wir lieben können.

Das muss einem gesagt werden, muss einem posaunt werden. Heiliges ist unser aller Kern. Lass dich lieben, liebe du, schmelzen soll dir aller Gram, und  Kummer soll entfliehen. Aufgehen soll der helle Morgenstern in deinem Herzen. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten dritten Advent. Ihr Michael Opitz von der evangelischen Kirche.

Musik: Kammerchor Wenigerode, In the bleak mid-winter, CD: Wie strahlt dein Licht so sternklar, Track 14, LC 23380)

Audiobeitrag "Eine schöne Liebe..."


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