Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.12.10, Pfarrer Sven Keppler

Schwaches Herz

Christina ist zerbrechlich. Sie ist tief fromm und wunderschön. Reich, aber ohne Kinder. Manche sagen, sie sei verbraucht.

Das liegt an ihrem Herzen: Es ist so schwach, dass sie oft kurz vor einem Zusammenbruch steht. In dem Film „Die Teuflischen“ wird Christina von Vera Clouzot gespielt, die heute vor 50 Jahren gestorben ist - an einem Herzinfarkt
Gequält wird Christinas Herz von ihrem Mann Michel. Ein selbstsüchtiger und herablassender Egoist. Er demütigt sie bei jeder Gelegenheit. Er hat sogar seine Geliebte ins gemeinsame Haus geholt. Nicole ist groß und zupackend. Und sie strotzt vor Gesundheit. Vor ihren Augen wird Christina schikaniert wie eine Dienerin, die ihren Aufgaben nicht gewachsen ist.

Irgendwann scheint auch Nicole darüber empört. Sie bedrängt Christina, ihren Mann zu bestrafen. Schlägt sogar vor, den Grausamen zu töten. Christina wehrt ab. Sie müsse ihr Leid ertragen. Selbst schuldig zu werden, mache es nur noch schlimmer. Gott sei liebevoll und gnädig. Aber einen Mord würde er nicht vergeben. Christina zieht sich zurück und betet. Und lässt sich dann doch überreden. Nach einem perfekten Plan ertränken die beiden Michel und verstecken seine Leiche. Wenn er wieder auftaucht, soll es wie ein Unfall aussehen.

Aber der Tote taucht nicht wieder auf. Die Leiche ist verschwunden. Stattdessen geschehen seltsame Dinge. Michel wird von anderen gesehen. Er scheint in einem Hotel zu leben. Der Anzug, den er bei der Ermordung getragen hatte, wird gereinigt bei Christina abgegeben. Sie hört, dass er sogar arbeitet. Ihr Gewissen bedrängte sie schon länger. Jetzt hat sie auch nochAngst vor dem Unheimlichen. Als sie ins Bad geht, liegt er da. In der Wanne, unter Wasser. Dann richtet er sich langsam auf, wie ein lebendiger Leichnam. Das überfordert Christinas Herz. Leblos bricht sie zusammen.

Alles war nur ein teuflisches Schauspiel. Von Michel und Nicole so glaubhaft arrangiert, dass Christina daran glaubte. Ihr Herz sollte zerbrechen, damit die beiden an ihr Erbe kommen und es ungestört genießen können. „Wir verkaufen das Haus. Was meinst Du, was wir dafür bekommen?“, fragt Michel. „So zwischen 15 und 20 Jahren Zuchthaus.“ Aus dem Dunkeln tritt ein Kommissar hervor. Er hat die Geschichte schon länger verfolgt. Christina hat ihm alles gebeichtet. Hat ihm von ihren Schuldgefühlen und ihrer Angst erzählt. Und nun hat er das Pärchen überführt, obwohl ihr Plan so perfekt war. So endet der Film.

Hätte der Kommissar nicht eher aus dem Versteck kommen können? Einschreiten, bevor Christinas Herz zerbrach? Dann hätte das teuflische Paar jedoch nicht verurteilt werden können. Für dieses Ziel nahm der Kommissar sogar Christinas Tod in Kauf. In seinen Augen war wohl auch sie schuldig und hatte eine Strafe verdient.

Ich hätte mir für die zarte, zerbrechliche Frau ein anderes Ende gewünscht. Wenn sie schikaniert wurde, habe ich mit ihr gelitten. Und auch, wenn ihr Gewissen sie quälte. Sie hätte Liebe verdient, keine kalte Gerechtigkeit. In ihren Gebeten hat sie um Gottes Gnade gefleht. Hat davor gezittert, dass auch Gott ihr mit kalter Gerechtigkeit begegnen wird. Aber sollte Gott nicht erkennen, wer das eigentliche Opfer ist? Sollte sein Herz nicht größer sein als die Gerechtigkeit des Gesetzes? Der Gott Jesu Christi jedenfalls hätte sich für die Liebe entschieden.

Audiobeitrag Schwaches Herz


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