Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.12.10, Pfarrer Sven Keppler

Mein oder dein?

Autor: Michael Beard ist klein und dick. 35 Pfund Übergewicht. Glatze. Und Bluthochdruck - zudem ein Chaot. Aber immerhin: Nobelpreisträger für Physik.

Und ein Frauenheld. Fünf mal geschieden. Michael Beard ist der zwiespältige Held des neuen Romans von Ian McEwan. Seine größte Schwäche: englische Kartoffelchips mit Salz-und-Essig-Geschmack.

Sprecherin: Er war noch pappsatt vom Mittagessen, aber dieses spezielle chemische Festmahl war in Paris, Berlin oder Tokio nicht aufzutreiben, und jetzt lechzte er danach – wie nach dem Schuss eines Drogendealers. Ein letztes Mal, dann würde er den Stoff nie mehr anrühren. Er sah gute Chancen zu widerstehen, bis er im Zug nach Paddington saß.

Autor: Beard hadert mit seiner Schwäche, seiner Unbeherrschtheit, bis er im Zug sitzt. Nach London – zu einem Vortrag. Ihm gegenüber ein Mittdreißiger, Typ Fitnessstudio. Nach dem Blick auf seine Emails lehnt Beard sich zurück, schließt die Augen.

Sprecherin: Vor ihm auf dem Tisch schimmerten die Salz-und-Essig-Chips durch seine fast geschlossenen Lider. Einige dieser chemischen Zusätze brachten vielleicht seinen Stoffwechsel auf Trab. Er hatte Beherrschung bewiesen – der Zug war schon vor mehreren Minuten losgefahren – doch jetzt gab es keinen vernünftigen Grund mehr, sich länger zurückzuhalten.

Autor: Sein Gegenüber beobachtet ihn beim Essen. Beard fühlt sich wie ein dicker alter Trottel, der heftig mit einem Kartoffelchip flirtet. Er will sich über diesen Gedanken hinwegsetzen, die Dosis erhöhen und zwei Chips auf einmal einwerfen. Da beugt sich der andere vor, blickt ihn eindringlich an, greift in die Tüte  und verschlingt provokant den größten Chip aus der Packung.

Sprecherin: Die beiden Männer fixieren sich. Beard war entschlossen, nicht als erster den Blick abzuwenden. Keine Frage, das Verhalten des anderen war aggressiv, nackter Diebstahl. Er wandte den Blick ab und tat das Einzige, was ihm einfiel. Er nahm noch einen Chip.

Autor: Es folgt ein skurriler Wettkampf der beiden. Sie essen um die Wette. Als nur noch zwei Chips in der Tüte sind, bietet der andere sie ihm höflich an und entsorgt die Tüte. Gedemütigt, empört greift Beard die Wasserflasche des anderen und leert sie in einem Zug. Der blickt ihn irgendwie besorgt und mitleidig an, nimmt Beards Koffer aus dem Gepäcknetz, stellt ihn hilfsbereit zu Boden und geht. Auch Beard verlässt den Zug.

Sprecherin: Wenige Meter vor der Sperre blieb er stehen. Er griff in die Jacketttasche, um die Fahrkarte herauszunehmen. Doch da war noch etwas anderes, aus Folie, gebauscht, sehr leicht, knisternd. Er zog die Tüte heraus und starrte sie wie vom Donner gerührt an.

Autor: Beard hatte die Chips des anderen vertilgt. Man könnte ihm jetzt die alte Jesusfrage stellen: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?“ Und man kann die Frage sogar beantworten: Beard ist nur mit sich selbst beschäftigt. Mit seiner Gier, seinem Scheitern, seinem Selbsthass. Dadurch verliert er den klaren Blick für andere Menschen. Und plötzlich meint er, auch die anderen hätten einen Splitter im Auge. Erst ärgert ihn das, aber dann spürt er eine heimliche Freude. Denn wenn die anderen auch Probleme haben, kann man die eigenen umso besser verdrängen. Bis das ganze auffliegt.

Zitate aus: Ian McEwan, Solar, aus dem Englischen von Werner Schmitz, Zürich 2010

 

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