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Maryams Kind
Maryam ist hoch schwanger. Sie ist sechzehn Jahre alt und nicht verheiratet. Maryam kommt aus einer christlichen Familie.
In Nazareth wohnt sie, wie viele palästinensische Christen. Ihre Verwandten halten zu ihr, trotz ihrer frühen Schwangerschaft. Yusuf, der Vater des Kindes, ist ein Freund der Familie. Alle wissen, warum Maryam und er noch nicht heiraten konnten.
Das Haus von Maryams Familie steht in der Altstadt von Nazareth. Nicht weit von der großen Verkündigungskirche. Nazareth ist heute die größte arabisch bewohnte Stadt in Israel. Ein Drittel der Einwohner sind Christen, zwei Drittel Moslems. Maryams Verwandte kommen auch mit den muslimischen Nachbarn gut zurecht. Und die meisten Männer in ihrer Familie haben Arbeit.
Yusuf hat es deutlich schwerer. Er stammt nicht aus Nazareth, sondern aus Bethlehem. Auch dort wohnen viele arabische Christen. Bethlehem ist jedoch ein Teil des palästinensischen Autonomiegebiets und von einer bis zu acht Meter hohen Betonmauer umgeben. Wie die meisten Araber fühlt sich Yusufs Familie in der Stadt gefangen. Es gibt nur wenig Arbeit. Zwischen Christen und Moslems wachsen die Spannungen.
Deshalb hatte Yusuf wie viele andere Christen auch die Stadt verlassen. Er war für einige Monate in Nazareth untergekommen. Arbeit als Zimmermann hatte er gefunden und wohnte bei seinem Onkel. Dort hatte er Maryam kennen gelernt. Er war etwas älter, aber beide verstanden sich wunderbar. Sie verlobten sich. Im Frühsommer wurde ihm jedoch die Arbeitserlaubnis entzogen. Er musste zurück nach Bethlehem. Da war Maryam im vierten Monat schwanger.
Lange hat die junge Frau darüber gegrübelt, was werden soll. Sie war oft allein in die Kirche gegangen und hatte gebetet. Am liebsten saß sie unten bei der Verkündigungsgrotte. Dort hatte vor zweitausend Jahren der Engel zu Maria gesagt: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Maryam spürte, dass diese Worte auch für sie gesagt worden waren. Und irgendwann beschloss sie, sich wirklich nicht mehr zu fürchten. Sie wollte nach Bethlehem fahren, damit das Kind nicht ohne Vater auf die Welt kommen musste.
Anfang Dezember nahm Yusufs Onkel sie mit nach Bethlehem. Bei Jericho ging es hinauf nach Jerusalem. Hinter der Heiligen Stadt mussten sie die Sperranlage passieren. Mussten durch die Mauer, die die beiden Liebenden so lange getrennt hatte. Beim Wiedersehen schlossen sie sich in die Arme, so weit es ihr dicker Bauch zuließ. Dann kamen die Tränen.
Seitdem wohnt Maryam bei Yusufs Familie. Sie haben kaum Platz, das Zimmer an der Rückseite des Hauses war früher ein kleiner Stall. Yusuf ist ohne Arbeit. Er versucht sich als Olivenholzschnitzer, wie viele Christen im Ort. Aber zum Überleben reicht das eigentlich nicht.
Mit ihren Sorgen geht die Schwangere jetzt oft in die Geburtskirche. Auch hier steigt sie am liebsten hinab in die Grotte, zum Geburtsaltar und zur Krippe. Dort denkt sie daran, wie Jesus auf die Welt kam. In einem besetzten Land. Fern von der Heimatstadt. Ärmlich in einem Stall und mit ungewisser Zukunft. Aber der Engel sagte: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündigte euch große Freude. Friede auf Erden! Und wieder spürt Maryam, dass der Engel auch zu ihr gesprochen hat.
Maryams Kind
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