Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.12.10, Kerstin Hanke

Leib- und Seelengewand

Sobald die ersten Schneeflocken fielen, musste ich es anziehen. Da kannte meine Großmutter kein Pardon. „Kind, du holst dir sonst was an den Nieren.“

Widerstand war zwecklos. Eine Art hellblaues Leibchen mit einer kurzen Hose, die mit Knöpfen aneinander gekettet wurden. Warm war es tatsächlich, aber die Wolle kratzte entsetzlich. Und ich sehnte den Frühling herbei, wenn ich dieses Zeugs nicht mehr anziehen musste. Meine Großmutter hatte dafür diese Unterwäsche einen poetischen Namen: Leib- und Seelengewand.

Welch Kontrast zum Body, diese Art Gymnastikanzug, den ich heute trage. Das englische Wort Body unterscheidet gar nicht mehr zwischen Körper und Kleidungsstück. Die Seele ist hier buchstäblich ausgezogen.

Wo die Seele sitzt, darüber haben sich schon viele zerstritten. Wahrscheinlich hat sie auch gar keinen Ort und kein Organ. Für mich entsteht aber in ihr der Impuls auf jemanden zuzugehen. Mein Körper folgt diesem Impuls, setzt ihn in die Tat um. Beziehungen sind der empfindlichste Teil für unser Glück. Sie beflügeln die Seele oder stutzen ihr die Flügel.

Meine Großmutter hatte schon recht mit der Idee, dass  Körper und Seele zusammengehören.  Ob gegen frostige Temperaturen oder gegen Eiszeit in Beziehungen, so ein Leib-und Seelengewand hält mich sensibel, dass schon morgens beim Anziehen beides gewärmt werden muss.  Es muss ja nicht unbedingt aus kratziger Wolle sein.

Sprecherin: Alexa Christ

Audiobeitrag Leib- und Seelengewand


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