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Happy New Year Was erwarten wir vom neuen Kirchenjahr?
Als ich gerade ein knappes halbes Jahr in meiner ersten Pfarrstelle tätig war, überraschte mich ein Kindergottesdienstmitarbeiter mit den Worten:
Happy New Year, mein Lieber.. und? viele neue Vorsätze gefasst? Es war der erste Advent. Für einen Moment war ich perplex, konnte nicht folgen, was und warum und wieso ich denn hätte feiern sollen. Im Gegenteil, ich hatte es ja noch nicht einmal vollends geschafft, die Adventskisten auszupacken und die Wohnung vorweihnachtlich zu schmücken, geschweige denn den Adventskranz zu besorgen.
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, ich bin Rainer Withöft, evangelischer Gemeindepfarrer in Wuppertal. Heute ist eben nicht nur der 1. Advent und damit der Anbeginn der Vorweihnachtszeit. Heute ist auch das neue Kirchenjahr gestartet, ein Anfang, Neubeginn, Zeit fürs Innehalten, für Rückblick und konkrete Vorsätze.
Musik: Dave Koz, Eight Candles, CD: A Smooth Jazz Christmas
Autor: Der Begriff Kirchenjahr ist kein biblischer Ausdruck. Genauso entsteht Weihnachten nicht mit der Geburt Jesu Christi und aus seiner Himmelfahrt entwickelt sich auch nicht zugleich ein jährlich begangenes Himmelfahrtsfest. Der Begriff Kirchenjahr stammt erst aus dem späten 16. Jahrhundert und ist vermutlich eine Prägung der Lutherischen Kirchen. Das Kirchenjahr und das säkulare Jahr sie entwickeln sich auseinander:
Sprecher: In der evangelischen Entwicklung des Kirchenjahres spiegelt sich wider, dass Religion in der Neuzeit tendenziell aus dem alltäglichen Leben verschwindet und mit dem Sonntag, mehr und mehr aber nur noch mit dem Feiertag assoziiert wird. Und damit geht eine weitere Entwicklung einher. Indem auf evangelischem Boden bestimmte Feiertage aufgegeben werden, werden auch populare Formen der Volksfrömmigkeit zurückgedrängt. Mit anderen Worten: Das Kirchenjahr ist damit auf den Gottesdienst reduziert und findet dort seinen Ausdruck. (Zitat: Fechtner, Kristian, Im Rhythmus des Kirchenjahres. Vom Sinn der Feste und Zeiten, Gütersloh 2007, S.21f.).
Autor: Christinnen und Christen wollen Akzente setzen im Wettbewerb mit Halloween und Karneval, Schützenfest und verkaufsfreie Sonntage. Nur, ist das der richtige Weg, die Konkurrenz zu suchen, den Wettlauf zu wagen und Fest gegen Fest zu stellen?
Musik: Dave Koz, Smooth Jazz Christmas Overture, CD: A Smooth Jazz Christmas
Sprecher: Das Kirchenjahr beginnt, wenn das bürgerliche Jahr seinem Ende entgegengeht, der Weihnachtsfestkreis ist die erste Zeit des kirchlichen Jahres. Zusammen mit dem Neujahrstag wird ein doppelter Anfang begangen und gefeiert: die Geburt des Menschensohns und der kalendarische Beginn eines neuen Jahres. Im Zeitempfinden aber ist der Anfang nicht das Erste. Weihnachten ist der Ausklang, Advent sind die letzten Wochen eines Jahres. Jeder Anfang entspringt einer Zeit, die damit unwiederbringlich vorbei ist. Während chronologisch von Anfang bis Ende gezählt und gerechnet wird, verläuft Zeiterfahrung im Jahresrund gegenläufig: Vor dem neuen Jahr liegt der Abschied aus dem alten, das in seinen letzten Wochen zum vergehenden Jahr wird. Nach vorne auf Zukunft hin gewendet bedeutet das: Vor dem Anfang liegt Erwartung. An der Zeitstelle am Ende eines Jahres angesiedelt vergegenwärtigt das Weihnachtsfest Anfang im Ende. (Zitat: Fechtner, Kristian, Im Rhythmus des Kirchenjahres. Vom Sinn der Feste und Zeiten, Gütersloh 2007, S.61).
Autor: So schätzt Kristian Fechtner, Professor für Praktische Theologie in Mainz dieses Dilemma ein, was unser kirchliches Neujahrsfest am 1. Advent betrifft. Tatsächlich lässt sich das kalendarische Neujahrsfest nicht so ohne weiteres auf das Kirchliche übertragen, zumal es jedes Jahr irgendwann zwischen dem 27. November und dem 3. Dezember gefeiert wird und eben nicht an einem jährlich wiederkehrenden Termin.
Für die Dichterin Marie Luise Kaschnitz ist Advent mehr als nur der Beginn eines Kirchenjahres, der Anfang des Wartens und Hoffens auf die Ankunft Jesu. Advent ist Lebenselexier.
Sprecherin: Wie du mir nötig bist? Wie Trank und Speise dem Hungernden, dem Frierenden das Kleid, wie Schlaf dem Müden, Glanz der Meeresreise dem Eingeschlossnen, der nach Freiheit schreit. So lieb ich dich. Wie dieser Erde Gaben, Salz, Brot und Wein und Licht und Windeswehen, die, ob wir sie auch bitter nötig haben, sich doch nicht alle Zeit von selbst verstehen. Und tiefer noch. Denn auch die ungewissen und fernen Mächte, die man Gott genannt, sie drangen mir zu Herzen mit den Küssen, den Worten deines Mundes und die Blüte irdischer Liebe nahm ich mir zum Pfand für eine Welt des Geistes und der Güte. (Zitat aus: M.L.Kaschnitz, Überallnie. Ausgewählte Gedichte 1928-1965, Berlin 1965)
Autor: Kommerziell ist die Vorweihnachtszeit immer schon attraktiv gewesen. Manch Unternehmen erzielt in den Wochen vor Weihnachten den Hauptjahresumsatz und dankt Jesus und Co für die heimelige und gefühlvolle Adventszeit. Advent, Ankunft, Besinnung auf Weihnachten. Noch wissen die Menschen etwas damit anzufangen. Noch ist Advent mehr als nur ein Fest der Vorweihnacht mit Adventskranz und Adventskalender.
Musik: Rick Braun, Little Drummer Boy, CD: A Smooth Jazz Christmas
Autor: Die Adventszeit ist eine Zeit des Wartens, sie ist eine Zeit des Erwartens. Bei den Kindern spüre ich es am deutlichsten. Die Spannung auf Weihnachten steigt. Wunschzettel werden geschrieben mit der offenen Frage, was davon wohl erfüllt wird. Der Begründer der modernen Diakonie Johann Hinrich Wichern hat sich dazu im 19. Jahrhundert für die Kinder seines Rauhen Hauses liebevoll den Adventskranz ausgedacht. An jedem Tag im Advent wird eine Kerze angezündet. So sehen die Kinder Tag für Tag das Fortschreiten der Zeit. Mit jeder Kerze rückt Weihnachten näher. Das Warten fällt leichter, die Vorfreude bekommt eine Form. Dieses Warten verbindet sich mit Kribbeln im Bauch und Vorfreude.
Der Prediger Salomo aus der Heiligen Schrift hat das so formuliert:
Sprecher: Alles hat seine Zeit. Geboren werden hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit, pflanzen hat seine Zeit, außreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit, töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit, abbrechen hat seine Zeit..
Autor: Worte, die uns mitteilen, was Zeit überhaupt bedeutet, dass Advent nicht schon im Sommer beginnen darf und Weihnachten ruhig ab Oktober gefeiert werden kann. Alles zu seiner Zeit heißt, warten auf das, was ist und was kommt. Leben in den Dimensionen, die das Leben eben bietet. Ankunft und Hoffnung auf den, der die Welt verändert in den Wochen vor dem Fest und nicht schon im Spätsommer. Advent hat seine Zeit und Warten auf Advent hat seine Zeit. Hoffen hat seine Zeit und Erfüllung hat seine Zeit. Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.
Musik: Bugge Wesseltoft, O little Town of Bethlehem, CD It´s snowing on my piano
Sprecher: Alles zu seiner Zeit ist doppelt deutbar: Diese Losung steht in weisheitlicher Tradition, für eine Ordnung der Zeit, die nicht beliebig und individuell verfügbar ist. Weihnachten ist nicht , wenn es mir nach Weihnachten zumute ist.
Wir finden uns in Zeiten vor, die nicht aus einer persönlichen Befindlichkeit erwachsen. Zeiten sind kulturell eingefasst, in wesentlichen Grundzügen auch kirchlich religiös geprägt. Wir bewegen uns immer schon in den Zeiträumen eines Jahres, einer Woche, eines Tages. In diesen Rhythmen hat alles seine Zeit: Der Heiligabendgottesdienst und der Rosenmontagsumzug, der Gottesdienst am Sonntagmorgen und der Tatort am Sonntagabend, das Gebet mit den Kindern vor dem Einschlafen und der obligatorische Frühstücksblick in die Tageszeitung. All dies hat seine eigene Zeit. Mehr noch: Es bestimmt die jeweilige Zeit und macht sie zu unserer Zeit, in der wir bestimmte Dinge tun oder unterlassen
Das Kirchenjahr mit seinen großen christlichen Festen stellt unsere biographische Zeit in den Horizont von Gottes Zeit. Die Wendung zeigt an, dass wir letztlich und erstlich nicht unsere Zeit selbst bestimmen, weder individuell noch kollektiv. Zeit wird in Bitte und Lob, in Klage und Dank ins Gebet genommen: Gott, meine Zeit steht in deinen Händen.
Autor: Gott kommt zu uns in die Häuser und Herzen, zu den Kindern und Alten, Männern und Frauen. Sich dafür Zeit zu nehmen ist ein guter Vorsatz für die beginnende Adventszeit. Zeit für das Gespräch, für Atmosphäre, Besinnung. Zeit für die Familie, für Freunde, für sich selbst. Ganz bewusst Advent zu erleben ohne schon gleich an Weihnachten zu denken ist ein guter Start in das neue Kirchenjahr. Wer sich Zeit lässt wird entdecken, wie wertvoll und besonders diese Zeit ist. Ich habe Geduld. Ich lerne warten. Ich erwarte etwas. Nicht umsonst wird diese Zeit bei einigen Menschen auch als Fastenzeit gelebt. Und während die Natur um uns herum dunkler und kälter wird, werden die Symbole und Zeichen stärker: Erst der Adventskranz, dann der Baum. Erste eine Kerze, dann Lichterglanz. Erst Spekulatius, dann das Festessen.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten ersten Advent. Ihr Rainer Withöft von der Evangelischen Kirche (Wuppertal).
Musik: Dave Koz, Beneath the Moonlit Sky, CD: A Smooth Jazz Christmas
Literatur: Kristian Fechtner, Im Rhythmus des Kirchenjahres. Vom Sinn der Feste und Zeiten, Gütersloh 2007 Kurt Riecke, 24-mal Advent, Göttingen 2009 Erhard Domay (Hg.), Kontexte zu den Festkreisen des Kirchenjahres, Anregungen für Gottesdienst und Gemeindearbeit, Gütersloh 2004
Happy New Year Was erwarten wir vom neuen Kirchenjahr?
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