Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.12.10, Pfarrerin Susanne Schart

Schönster Herr Jesu (eg 403)

Sprecher: „Schönheit ist „das Siegel, das der Schöpfer unter seine Werke setzt, wenn er mit ihnen zufrieden ist.“

Autorin: Für den indischen Dichter und Philosophen Rabindranath Tagore (1861-1941) ist Schönheit ein göttliches Zeichen. Aber was verbirgt sich bei näherer Betrachtung hinter dem Begriff „Schönheit“? Ist es die äußere Attraktivität oder sind es eher innere Werte? Ist es das künstlerische Meisterwerk, das moralisch-gute Verhalten oder das Ideal der Vollkommenheit, das wir nie erreichen werden? Schönheit hat viele Facetten. Und wer von uns kann als „schön“ bezeichnet werden? Für unseren heutigen Choral gibt es nur einen:

Choral 1 / 1. Strophe: Schönster Herr Jesu, / Herrscher aller Enden, / Gottes und Marien Sohn, / dich will ich lieben, / dich will ich ehren, / du meiner Seele Freud und Kron.

Autorin: „Schönster Herr Jesu, / Herrscher aller Enden.“ Jesus als Schönheit? Ja mehr noch: als Schönheitsideal. In der Bibel erhält Jesus viele Attribute: er ist der gute Hirte, der wahre Weinstock, der leidende Gottesknecht. Jesus hat viele Gesichter. Ein „schönes“ aber, gehört auf den ersten Blick nicht dazu. Zu fremd erscheint die Vorstellung eines attraktiven Gottessohnes. Schade eigentlich, denn körperliche Schönheit spielt in der Bibel sehr wohl eine Rolle. Allerdings ist sie zuerst einmal Frauensache.

Sprecher: Siehe, meine Freundin, du bist schön! Siehe, schön bist du! Deine Augen sind wie Taubenaugen hinter deinem Schleier. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen (…). Deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur, und dein Mund ist lieblich. Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter den Lilien weiden. Du bist wunderbar schön, meine Freundin, und kein Makel ist an dir. (Hohelied 4,1-3.5.7)

Autorin: „Du bist wunderbar schön meine Freundin!“ So frei und ohne Scham bekennt es der Geliebte in den biblischen  Liebes- und Hochzeitsliedern. Makellose Schönheit ist hier nicht anstößig oder unschicklich. Für die Bibel ist körperliche Attraktivität nun einmal auch eine Gabe Gottes. Und nicht nur die weibliche Schönheit wird wie selbstverständlich gepriesen. Der Geliebte im Hohelied ist ebenfalls von schöner Gestalt. Sein Haar ist kraus und schwarz wie ein Rabe. Seine Lippen sind wie Lilien und sein Leib wie reines Elfenbein. Alles an ihm ist lieblich. Doch das männliche Schönheitsideal der Bibel verkörpert der berühmteste Vorfahre Jesu. An keinem geringeren als an König David müssen sich die Männer messen lassen:

Sprecherin: Und David ist bräunlich, mit schönen Augen und von guter Gestalt. Er ist ein Sohn Isais, des Bethlehemiters, und ist des Saitenspiels kundig. Ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf, verständig in seinen Reden und schön gestaltet, und der HERR ist mit ihm. (Vgl. I Samuelbuch 16,12.18)

Choral 1 / 4. Strophe: Schön sind die Blumen, / schöner sind die Menschen / in der frischen Jugendzeit; / sie müssen sterben, / müssen verderben: / doch Jesus lebt in Ewigkeit.

Autorin: Makellose, jugendliche Schönheit ist seit Menschengedenken ein äußerst attraktives Ideal. Und der frischen Jugendzeit trauern so manche ältere Semester wehmütig hinterher. Wer würde nicht gerne in den Jungbrunnen tauchen und noch einmal im jugendlichen Alter wieder emporsteigen? Aber auch das schönste Grün wird nun einmal Heu. Alle Menschen sind wie Gras, das am Morgen blüht und des Abends welkt und verdorrt – wie Psalm 90 mahnt. (vgl. Psalm 90,6) Jesus aber – so besingt es der Choral - lebt in Ewigkeit und überlebt alles Schöne, das vergehen muss. Vielleicht ist das ein Zeichen der einzigartigen Schönheit Jesu? Einer Schönheit, die eben unvergänglich ist. Wie die Bibel weiß:

Sprecher: Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und bleibt es auch in Ewigkeit. (Hebräerbrief 13,8)

Choral 1 / 2. Strophe: Schön sind die Felder, / schöner sind die Wälder / in der schönen Frühlingszeit; / Jesus ist schöner, / Jesus ist reiner, / der unser traurig Herz erfreut.

Autorin: Auf der einen Seite: die Schönheit der Natur – auf der anderen: Jesus, der reiner und schöner ist. Doch Jesus tritt keinen Wettstreit, keine Konkurrenz mit der Natur an. Hinter der Schönheit der göttlichen Schöpfung sollen wir vielmehr seine Schönheit erkennen. In den Bäumen und Äckern, ja in jedem Strauch und jeder Pflanze erstrahlt Jesus selbst. So jedenfalls sieht es Heinrich August Hoffmann von Fallersleben. Der Dichter schrieb neben der Deutschlandhymne und vielen bekannten Kinderliedern, wie „Alle Vögel sind schon da“ oder „Ein Männlein steht im Walde“, 1842 diese Strophe. Wer die anderen Strophen dichtete oder gar die Melodie komponierte, wissen wir nicht. „Schönster Herr Jesu“ ist wohl ein Volkslied im wahrsten Sinne des Wortes. Aus dem Herzen der einfachen Menschen entstanden, wird es singend weitergegeben - von Generation zu Generation.

Choral 1 / 3. Strophe: Schön leucht’  die Sonne, / schöner leucht’ der Monde, / und die Sternlein allzumal. / Jesus leucht’ schöner, / Jesus leucht’ reiner / als alle Engel im Himmel sein.

Autorin: Sonne, Mond und Sterne. Jesus braucht den Vergleich mit den himmlischen Sphären nicht zu scheuen. Die Gestirne sowie sonstige Himmelsgeschöpfe sind zwar schön, aber sie können sich mit dem Sohn Gottes nicht messen. Nicht einmal die Engel, die sich als Boten Gottes in dessen Nähe aufhalten und makellos und ohne Fehler sind. Wer es auch immer sei: Jesus leuchtet schöner, Jesus leuchtet reiner als alle Himmel und Erde zusammen, denn er nimmt all ihre Schönheit in sich auf.

Choral 1 / 5. Strophe: Alle die Schönheit / Himmels und der Erden / ist verfasst in dir allein. / Nichts soll mir werden / lieber auf Erden / als du, der schönste Jesus mein.

Autorin: Mit dieser Strophe endet der Choral im Evangelischen Gesangbuch. Die deutsche Volkslieder-Sammlung „Der Lindenbaum“ aus dem Jahre 1910, die unter anderem von Hermann Hesse herausgegeben wurde, enthält aber noch eine so genannte Sterbestrophe. Der unbekannte Dichter vertraut in seiner letzten Stunde seine Seele dem Sohn Gottes an. Der von sich selber sagt:

Sprecher: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. (Johannes 11,25f)

Choral 1 / 6. Strophe: Wann endlich sterben, daß ich nicht verderbe, laß mich dir befohlen sein. Wann’s Herz wird brechen, laß mich dann sprechen: Jesu, nimm auf die Seele mein.

Autorin: Der Choral „Schönster Herr Jesu“ ist zwar kein Advents- oder Weihnachtslied. Aber es könnte eines sein. Es ist eine musikalische Liebeserklärung. Nicht an das Kind, auf das wir zu Weihnachten warten, sondern an den erwachsenen Mann. Wer seine Schönheit erkennt und besingt, rühmt letztlich die Schönheit Gottes.

Choral 1 / 5. Strophe: Nichts soll mir werden / lieber auf Erden / als du, der schönste Jesus mein.

Musikinformtion:
Text:   Münster 1677; Str. 2 bei Heinrich August Hoffmann von Fallersleben 1842
Melodie: zweite Melodie: Glatz vor 1842
Satz:  Gerhard Schnitter
Solo:  Yukio Imanaka
Chor:  Studiochor des Evangeliumsrundfunks (ERF)
Orchester: Studioorchester des ERF (Ltg.: Christoph Adt)
Leitung:  Gerhard Schnitter

Audiobeitrag Schönster Herr Jesu (eg 403)


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