Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.12.10, Pfarrerin Susanne Schart

Jesus hat viele Gesichter! / Heute: Selig, wer nicht irre wird. (Matthäus 11,6)

„Wir sagen euch an, den lieben Advent. Sehet, die zweite Kerze brennt.“ Mit diesem Lied, liebe Hörerinnen und Hörer, wird morgen in vielen Kirchen der 2. Advent begrüßt.

Wir sind dem Weihnachtsfest schon eine Woche näher gekommen. Hoffentlich auch dem Kind, auf dessen Geburt wir zu Weihnachten warten.

Jesus hat viele Gesichter. Und schon zu seiner Zeit fragten sich die Menschen, wer ist dieser Mann wirklich? So auch Johannes der Täufer. Seines Zeichens ein gottesfürchtiger Mann, der in der Wüste das Wort Gottes predigt. Zudem ist er sogar ein Verwandter Jesu. Eigentlich müsste gerade er wissen, um wen es sich bei diesem Jesus aus Nazareth handelt. Schließlich ist er es doch, der Jesus im Jordan tauft. Eine Vermutung hat Johannes sicherlich. So wie viele fromme Juden wartet er auf den Messias, den von Gott gesandten Retter und Heiland. Aber so ganz sicher ist sich Johannes wohl nicht. Doch er will es genau wissen. Und so verlässt er sich nicht auf Vermutungen, Gerüchte oder die Meinung anderer. Nein, Johannes wählt einen sinnvolleren Weg, auch wenn er nicht unbedingt der leichtere ist: nicht über einen Menschen reden, sondern direkt mit ihm. So will Johannes auch von Jesus selbst wissen, wer er denn nun ist. Da sich Johannes gerade im Gefängnis befindet, schickt er seine Jünger zu Jesus. Durch sie lässt er ihn fragen: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“ (Matthäus 11,3)

Sprecher: Und Jesus antwortete ihnen: Geht hin und sagt Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt. Und selig ist, wer nicht an mir irre wird. (Matthäus 11,4-6)

Autorin: Jesus hat gut reden. Bei seiner Antwort fällt es schwer, nicht irre zu werden. „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“ Eine entscheidende Frage; besonders zwei Wochen vor Weihnachten. Eine klare Antwort: „ja oder nein“ wäre gut gewesen. Aber Jesus bleibt sie schuldig. Weder verleugnet er sich, noch hält er große Reden: „Ja, ich bin derjenige, auf den ihr so lange wartet.“ Wer hätte ihm auch schon geglaubt?

Anstelle einer klaren Antwort gibt uns Jesus einen guten Rat, wie wir ihn und sicher auch andere Menschen beurteilen können: Lasst euch nicht täuschen von den großen Reden, die jemand schwingt. Vertraut nicht den Versprechen, die euch andere geben – weder in der Kirche noch in der Politik oder sonst wo. Beurteilt einen Menschen danach, was er tut oder lässt. Seine Taten sind entscheidend und sprechen letztlich für ihn. Schaut einem Menschen ins Gesicht und dann urteilt selbst. Aber lasst euch nicht irritieren. Diese Gefahr besteht. Denn manchmal hat ein Mensch verschiedene Gesichter.

Ein gütiges, barmherziges. Mit hoffnungsvollen Augen, die Mühselige und Beladene trösten. Ein leidendes Gesicht, das vor Schmerzen und Verzweiflung laut aufschreit und so all dem Leid der Stummen und Sprachlosen eine Stimme gibt. Manches Gesicht spiegelt nicht nur Sanftmut und Mitgefühl. Es zeigt zugleich Mut, Stärke und Entschlossenheit. Jesus gibt weder klein bei noch lässt er sich mundtot machen. Wenn Zeit zu kämpfen ist, zögert er nicht. Ob mit Worten - gegen seine religiösen Widersacher, oder mit Taten, als er den Tempel Gottes reinigt. Jesus hat ein vollkommenes Gesicht. Ein männlich-markantes und ein zärtlich-weibliches.

Wie Johannes der Täufer damals, so fordert Jesus heute uns auf, Stellung zu beziehen und selbst zu entscheiden, wen wir in ihm sehen. Ob einen Heiler. Einen Revoluzzer. Einen Gotteslästerer oder den Sohn Gottes. Egal, wie wir uns auch entscheiden, Jesus traut uns die richtige Antwort zu. Sieh ihn an und urteile selbst. Doch nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen.

Und selig, wer dabei nicht an Jesus irre wird. Sondern wer wie einst der fromme Simeon, der den neugeborenen Jesus im Arm hielt, sagen kann: Das Warten hat nun ein Ende, und es hat sich gelohnt. Denn meine Augen sehen den Heiland Gottes!

Audiobeitrag Jesus hat viele Gesichter! / Heute: Selig, wer nicht irre wird. (Matthäus 11,6)


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