Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.12.10, Pfarrerin Susanne Schart

Jesus hat viele Gesichter! / Heute: … und verspotteten ihn! (Mt 27,29)

„Krippe ohne Kreuz ist Kitsch!“ Stand mit roter Farbe an die Mauer gepinselt. Sicher, Weihnachten wird mit jedem Jahr kitschiger, das ist nicht zu leugnen.

Ab Mitte November bedudelt uns die White-Christmas-Jinglebells-Musik in jedem Kaufhaus. Die falschen Weihnachtsmänner hangeln sich wieder überall an den Regenrinnen hoch. Und das Wettrüsten der Weihnachtsbeleuchtung in Fenstern und Vorgärten hat die Grenze des Erträglichen weit überschritten. Aber zu Weihnachten schon an Karfreitag denken? Alles hat doch seine Zeit. Und alles eins nach dem anderen.

Die Krippe steht für Jesu Geburt. Daran erinnern wir zu Weihnachten. Das Kreuz steht für seinen Tod an Karfreitag. Sicher, es gibt keine Siege ohne Niederlagen, kein Lachen ohne Tränen und Enttäuschung. Kein Leben ohne Tod. Doch wer ein neugeborenes Kind im Arm hält, spürt nur die Freude des Augenblicks. In diesem seligen Moment habe ich keinen Sinn für die unzähligen Steine, die dem kleinen Menschen sicherlich noch in den Lebensweg geworfen werden. Ich will nicht jetzt schon die Nackenschläge spüren, die ihn einst verletzen werden.

Sprecher: Und die Soldaten legten Jesus einen Purpurmantel um, flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm aufs Haupt, gaben ihm einen Stab in die rechte Hand, beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn. (vgl. Matthäus 27,27ff)

Autorin: Verspottet, geschlagen, gekreuzigt – so endet Jesu Leben. Es begann zwar armselig in einem Stall, aber doch voller Hoffung. Der Stern leuchtete hell am Himmelszelt. Der Engel des Herrn erschien. Und es sangen die himmlischen Heerscharen. Alles war so verheißungsvoll bei Jesu Geburt. Seinen Tod am Kreuz jedoch stirbt er Gott verlassen und allein. Ob sich seine Eltern oder die Hirten auf dem Felde das vorgestellt haben? Damals in der Nacht der Nächte? Hätten sie gedacht, dass ausgerechnet dieses Kind wie ein Schwerverbrecher am Kreuz enden und den grausamsten aller Tode sterben würde? Wohl kaum.

Und so ist es auch bei uns. Kaum eine Mutter oder ein Vater denkt bei der Geburt daran, dass es ein schlechtes Ende mit dem eigenen Kind nehmen könnte. Dass es sie später einmal enttäuscht, im Leben versagt. Dass es unerträgliches Leid über andere bringt oder gar selbst ertragen muss. Doch die Möglichkeit zu scheitern besteht. Die Sonne wird uns bestimmt nicht nur scheinen. Manch kalter Gegenwind wird uns ins Gesicht wehen. Vielleicht werden uns sogar heftige Stürme völlig aus der Bahn werfen. Wir haben keine Garantie auf die Sonnenseite des Lebens. Genauso wenig wie Jesus sie hatte. Dann ist es gut, sich daran zu erinnern: unser Leben nehmen wir aus Gottes Hände. Und was auch geschehen wird, ob wir versagen oder gar einen grausamen Tod zwischen Schwerverbrechern sterben, wir fallen wieder zurück in diese Hände. Zu Weihnachten an Karfreitag denken, heißt nicht nur an das Kind, sondern auch an den Erwachsenen Jesus denken. Und mit ihm an alle Menschen, deren Leben einst freudig und voller Hoffnung begann und so traurig endet mit Tränen im Gesicht.

Jesus hat viele Gesichter. Nur eines hat er nicht: das des strahlenden Helden, der unverwundbar einen Sieg nach dem nächsten erringt. Der wie ein gefeierter König im Triumphmarsch den Thron besteigt. Doch gerade das macht ihn für mich so menschlich. Weil er die ganze Bandbreite des Lebens auskostet. Er kennt die Einsamkeit und hat Freunde. Er kann fasten aber auch gut essen und trinken. Er umgibt sich mit Männern und achtet die Frauen. Manchmal wird er unter freiem Himmel geschlafen haben, kriegt aber auch Einladungen unter das Dach reicher Frauen. Ich sehe ihn an und erkenne mich selbst in ihm wieder. Wie ich scheitere und versage und doch auch Erfolge habe. Wenn weder andere noch ich selbst an mich glauben und ich doch manchmal über mich hinauswachse.. Wenn sie mich klein machen, mich verletzen, über mich lachen und doch auch spüre, dass mich niemand verletzten kann und das Lachen auf meiner Seite klingt.. Wenn ich meine, an mir und der Welt zu zerbrechen, kann ich Jesus getrost ins Gesicht sehen. Und ich weiß: ich bin nicht allein in meinem Leid und nicht in meiner Freude. Ich bin in guter Gesellschaft. In seiner. Krippe ohne Kreuz ist nicht zwingend Kitsch, aber eben nur das halbe Leben. Wer alles will, sollte auch zu Weihnachten ruhig schon an Karfreitag denken. Aber dabei eines nicht vergessen: Ostern!

Audiobeitrag Jesus hat viele Gesichter! / Heute: … und verspotteten ihn! (Mt 27,29)


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