Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.12.10, Pfarrerin Susanne Schart

Jesus hat viele Gesichter! / Heute: Der 12jährige Jesus im Tempel (Lk 2,46f)

„Kleine Kinder – kleine Sorgen. Große Kinder – große Sorgen!“ Diesen Spruch kennen alle Eltern. Und egal wie alt der Nachwuchs ist, eines macht er meistens: Probleme.

Spätestens während der 1. Trotzphase, wenn sich das Wunschkind vor dem Süßigkeitenregal schreiend auf dem Boden wälzt, ist klar: die Eltern haben ihre Wunschliste ohne das Kind gemacht.

Kommt aber dann die Pubertät und somit die Zeit, in der die Eltern anfangen, schwierig zu werden, müssen Eltern oft schmerzhaft erkennen: 12jährige sind längst keine Kinder mehr. Sie haben ihre eigenen Gedanken und ihren eigenen Willen. Die Eltern stehen oft fassungslos daneben und verstehen die Welt nicht mehr; ihr Kind am allerwenigsten. Was geht nur in ihm vor?

So erging es auch den Eltern Jesu. Die mit ihrem inzwischen 12jährigen Sohn in Jerusalem waren. Dort feierten sie mit Verwandten, Freunden und vielen anderen Gläubigen ein großes Fest. Als die Feierlichkeiten beendet waren und alle Gläubigen Jerusalem verließen, machten sich auch die Eltern Jesu auf den Heimweg. Das Geschiebe und Gedränge kann man sich gut vorstellen. Überall Menschen, die zu Fuß oder auf Eseln aus der Stadt strömen. Da kann es schon mal leicht passieren, dass selbst die aufmerksamsten Eltern plötzlich ihr Kind aus den Augen verlieren. Jetzt nur keine Aufregung oder Panik. Der Junge wird sicherlich bei den Verwandten sein, die schon ein paar Kilometer voraus sind. Doch am Abend stellt sich heraus, keiner der Angehörigen weiß, wo sich Jesus befindet. Das letzte Mal war er in Jerusalem gesehen worden. Wie aufgeregt und verzweifelt die Eltern plötzlich sind, kann man sich gut vorstellen. Was ist nun zu tun? Kein Handy. Keine Polizei, keine Rettungskräfte, die eine Suchaktion organisieren. Die Eltern sind allein mit ihrem Schock. Doch sie haben keine Wahl. Sie gehen wieder zurück nach Jerusalem und suchen dort.

Sprecher: Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie Jesus im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. (Lukas 2,46f)

Autorin: Der 12jährige Jesus im Tempel. Allein zwischen Lehrern und Gläubigen, die in den heiligen Schriften lesen, diese auslegen und miteinander über das Wort Gottes diskutieren. Jesus inmitten der religiösen Lehrer. Seine Eltern fast wahnsinnig vor Angst und Sorge. Doch darum kümmert sich der Junge herzlich wenig. Er scheint sich wohl zu fühlen im Haus Gottes und in der religiösen Welt der Erwachsenen. Dort erhält er, was er wahrscheinlich von seinen Eltern vermisst: Anerkennung und Respekt. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.

Der Jugendliche Jesus erscheint mir in dieser biblischen Geschichte wie ein höchstbegabtes Genie im religiösen Bereich. Und doch wirkt er wie viele heutige Jugendliche. Die sich für die Welt ihrer Eltern meist wenig interessieren. Ebenso für deren Ängste und Sorgen. Sie verstehen die Gedanken der Eltern nicht. Doch das beruht auf Gegenseitigkeit. Auch die Eltern verstehen selten ihre heranwachsenden Kinder, was sie fühlen und denken, was sie so treiben. Vielleicht weil Eltern mit den Jahren einfach vergessen haben, wie sie selber in dem Alter waren. Wonach sie sich damals sehnten und was sie fühlten.

Jesus fühlt sich mit seinen 12 Jahren längst selbständig genug, um für sich zu entscheiden, wo er hingehört. Sein Platz ist im Haus Gottes; nicht bei Mama und Papa. Und auch darin gleichen viele Jugendliche Jesus. Sie ziehen sich zurück aus der Familie und dem Freundeskreis. Sie haben kein Interesse, mit Gleichaltrigen abzuhängen oder wilde Partys zu feiern. Stattdessen spüren sie vielmehr eine tiefe spirituelle Sehnsucht und sind auf der Suche nach Gott.

Jesus hat viele Gesichter. Auch ein jugendliches. Leider wissen wir darüber wenig. Zu wenig. Vielleicht würden wir Erwachsenen die Jugendlichen dann ein bisschen besser verstehen.

Audiobeitrag Jesus hat viele Gesichter! / Heute: Der 12jährige Jesus im Tempel (Lk 2,46f)


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