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Jesus hat viele Gesichter! / Heute: Jesus schwingt die Geißel! (Johannes 2,15)
Und dabei war er doch früher mal so ein süßes und freundliches Kind! Also, das hätte ich nie von ihm gedacht.
Solche oder ähnliche Sätze hört man gelegentlich, wenn Menschen sich so verhalten, wie man es nie von ihnen erwartet hätte. Wenn ein ruhiger und zurückhaltender Erwachsener mal so richtig die Fassung verliert, regelrecht außer sich gerät und sich plötzlich so benimmt, wie es sich nach Meinung anderer - nicht für ihn gehört. Aber manchmal läuft das Fass eben einfach über. Dann ist das Entsetzen bei den Umstehenden groß. Solche Szenen kommen sogar in den besten Familien vor, auch in der heiligen.
Sprecher: Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Und er fand im Tempel die Händler, die dort Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und die Wechsler, die da saßen. Und Jesus machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um (
). (Johannes 2,13b-15)
Autorin: Jesus mit einer Geißel in der Hand! Unbegreiflich. Er schwingt die Peitsche - nicht nur gegen Tiere, auch gegen die Händler und Käufer. Eine Szene, die einmalig ist im Neuen Testament und so gar nicht zu einem Heiland passen will. Nicht Frieden schaffen ohne Waffen. Nicht selig sind die Sanftmütigen. Nein, mit einer Schlagwaffe reinigt Jesus das Haus Gottes von jedem und allem, was nach seiner Meinung den heiligen Ort entweiht.
Was ist nur in ihn gefahren? Gestern war die Welt doch noch in Ordnung: der Säugling Jesus wurde zum Tempel gebracht und als Heiland und Retter gepriesen. Heute, gut 30 Jahre später endet sein Tempelbesuch in einem handgreiflichen Wutausbruch.
Für manche Christen ist dieses Verhalten Jesu unbegreiflich. Sie schämen sich gar für diese Tempelszene. Denn solche Aggressionen passen nicht in unsere kultivierte Gesellschaft und zum christlichen Glauben schon gar nicht. Sie auszuleben ist streng verboten. Der Verstand reguliert unsere Gefühle. Zumindest erwarten wir das von uns und anderen. Trotzphasen, Wutausbrüche, Schreianfälle gelten als schlecht. Und schon kleine Kinder, die ihre Gefühle schreiend und tobend ausleben, sind ungezogen und werden bestraft. Doch zu dem erwachsenen Jesus passt so eine Reaktion absolut nicht.
Aber gerade dieses Verhalten macht ihn für mich ausgesprochen menschlich. Er ist in der Lage, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Auszuleben, was er tief im Herzen spürt. Und was er spürt, ist klar: Er ist entsetzt, zutiefst schockiert, außer sich. Das Haus Gottes soll ein Bethaus sein. Doch was findet er vor? Einen Viehmarkt, ein Kaufhaus, ein Geldinstitut. Was zu viel ist, ist zu viel. Wer das Haus Gottes entweiht, entweiht Gott. Hier hört sein Verständnis auf. Jesus sieht nicht gleichgültig oder resigniert weg. Nach dem Motto: da kann man halt nichts machen. Die Menschen sind eben so und machen auch mit der Sache Gottes Geschäfte. Dieses Treiben macht Jesus nicht mit. Vielmehr zeigt er eine Art Glaubenscourage. Mutig und voller Leidenschaft steht er für seinen Glauben und seine religiösen Gefühle ein. Jesus wirkt überraschend radikal. Aber dadurch auch überzeugend, denn in der Sache Gottes gibt es nun mal für ihn keine Kompromisse.
Jesus hat viele Gesichter. Auch welche, die wir vielleicht lieber nicht sehen würden. Weil sie uns fremd sind, uns Angst machen. Weil sie nicht zu unserer Vorstellung von ihm passen. Er soll doch freundlich und barmherzig sein. Ein Menschenfreund, der immer alles geduldig erträgt und verzeiht. Der so lange nachgibt, bis er irgendwann der Dumme ist und nicht mehr ernst genommen wird. Wir sollten uns kein festes Bild von ihm machen. Ihn nicht nur auf ein Gesicht reduzieren. (Wer sagt denn, dass ein frommer Mensch immer nur lammfromm sein und nachgeben muss. Immer alles dulden und still schlucken muss.) Wer wie Jesus - von der Sache Gottes begeistert ist, lebt seinen Glauben nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Wenn nötig manchmal eben auch unbegreiflich-leidenschaftlich.
Jesus hat viele Gesichter! / Heute: Jesus schwingt die Geißel! (Johannes 2,15)
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