Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.11.10, Pfarrerin Susanne Schart

Jesus hat viele Gesichter! / Heute: Warten aufs Christkind (vgl. Lukas 2,25f)

„Wir sagen euch an, den lieben Advent. Sehet, die erste Kerze brennt.“ Mit diesem Lied, liebe Hörerinnen und Hörer, wurde gestern in vielen Kirchen der 1. Advent begrüßt.

Endlich: Jetzt läuft der Countdown für Weihnachten. Seit Mitte August warten ja schon die Lebkuchen und Schokoladenweihnachtsmänner in vielen Regalen sehnsüchtig auf diesen Tag. Doch wer meint, jetzt könne er in die Vorweihnachtszeit so richtig durchstarten, der wird erst einmal ausgebremst. Denn Advent meint vor allem eines: Warten. Sich in Geduld üben und beten. „Herr, gib mir Geduld, aber ein bisschen plötzlich“, hört man die ewig Rastlosen bitten.

Warten passt nicht wirklich in unsere hektische Zeit. Seien wir ehrlich: kaum eine Jahreszeit ist stressiger als die Adventszeit - mit Plätzchen backen, Geschenke kaufen und einer gemütlichen Feier nach der nächsten. Was uns eigentlich Ruhe schenken will, wird zum Besinnlichkeitsstress. Wir haben vieles, aber keine Zeit. Fürs Warten im Advent am wenigsten. Wir warten doch schon das ganze Jahr über: an der Kasse. Auf den Zug. Den Aufschwung. Auf besseres Wetter.

Advent meint: warten. Und das fällt nicht nur Kindern schwer. Zudem: worauf lohnt es sich eigentlich, wirklich zu warten? Die Unverbesserlichen warten jeden Samstag auf sechs Richtige mit Zusatzzahl. Die eher romantisch Veranlagten auf die einzig wahre Liebe. Und die armen Schlucker auf den Scheck der Erbtante. Aber lohnt es sich wirklich, darauf zu warten? Vielleicht sogar ein Leben lang?

Sprecher: Und siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon. Und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels. Denn Simeon war ein Wort zuteil geworden von dem heiligen Geist: er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. (Vgl. Lukas 2,25f )

Autorin: Christus sehen und sterben. Ein nicht alltäglicher Anlass zu warten. Doch für den gottesfürchtigen Simeon im Neuen Testament lohnt es sich, allein dafür zu leben und schließlich zu sterben. Und Simeons geduldiges Warten wird belohnt. Er ist bereits ein alter Mann, als er den Säugling Jesus endlich in den Armen hält. Als er in dessen Gesicht sieht, spürt er: seine Augen sehen nicht nur ein kleines, verwundbares Kind – wie alle anderen Kinder auch. Seine altersschwachen Augen sehen viel mehr: den Heiland Gottes. Den versprochenen Trost Israels und Retter der Welt. Simeon erkennt in Jesus die Liebe Gottes. Sie hat Hand und Fuß und ist quicklebendig. Wer Jesus sieht, kann den lebendigen Gott in Menschengestalt erkennen.

Bereits in einem Kind zu sehen, was mal aus ihm werden wird, ist wohl eine einzigartige Gabe. Wohl kaum jemand von uns besitzt sie. Dennoch haben auch wir große Erwartungen, erblickt ein neuer Erdenbürger das Licht der Welt. Schnell übertragen wir unsere Wünsche auf den ersehnten Nachwuchs: Der Junge wird später mal in Vaters Fußstapfen treten und den Betrieb übernehmen. Die Kleine soll es später besser haben und erst mal Medizin studieren, bevor sie heiratet. Wir planen die Zukunft der Kinder und verplanen ihr Leben. Nur selten fragen wir, ob unser Kind überhaupt das werden will, was wir heute schon in ihm sehen.

Simeon sah in Jesus den Retter der Welt. Von Gott geschickt und von allen erwartet. Aber hat der alte Mann richtig gesehen? Haben seine altersschwachen Augen nicht seinen Blick getrübt? Und: was sahen die anderen Männer und Frauen seiner Zeit in Jesus? Seine Familie? Die frommen Juden? Seine Freunde und gerade auch seine Feinde. Und vor allem: was sehen wir in diesem Kind, auf dessen Ankunft wir zu Weihnachten warten? Alle Jahre wieder.

Wir haben noch drei Wochen und drei Kerzen Zeit, bis wir die Geburt Jesu feiern. Vertreiben wir uns bis dahin gemeinsam das lästige Warten, und betrachten wir in dieser Woche etwas näher, wie sich dieser Junge entwickelt. Denn aus Kindern werden Leute, und aus dem süßen Säugling wird ein Mann. Der viele Gesichter hat. Erfüllt der Erwachsene Jesus, was das Kind in der Krippe verspricht? Warten wir’s ab!

Audiobeitrag Jesus hat viele Gesichter! / Heute: Warten aufs Christkind (vgl. Lukas 2,25f)


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