Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.11.10, Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Buß- und Bettag

Ich höre das Geräusch noch heute. Etwas ist gegen unseren vorderen rechten Kotflügel gestoßen. Eine der Mülltonnen vom Straßenrand?

Oder etwa das Kind, das wir eben noch gesehen haben? Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien fahren wir zur Schule: meine Mutter am Steuer, ich - 12 Jahre alt - sitze neben ihr und meine kleine Schwester hinten.

Meine Mutter steigt aus. Ich zittere. Mir ist kalt.  Auch ich klettere aus dem Auto. Blicke mich um und sehe: Da liegt ein Kind, mit blonden Haaren. Meine Mutter kniet neben ihm.

Eben war das Leben noch ganz normal mit üblichem Stress am Morgen, mit Vorfreude auf Weihnachten und die Ferien. Doch jetzt ist etwas zerbrochen, das Kind liegt da, mit geschlossenen Augen, ist es bewusstlos? Ist es tot? Weil wir mit ihm zusammen gestoßen sind, liegt es jetzt da. Das will ich nicht.

Gott sei Dank, bleiben wir nicht lange allein. Ein Rettungswagen kommt. Die Polizei. Ich  sehe meine Mutter, die Menschen bei ihr. Ich fühle die Hand meiner Schwester. Ich bringe sie in die Grundschule und gehe in meine eigene Schule. Sitze auf meinem Platz wie jeden Tag. Jemand ruft mich aus der Klasse und sagt mir: Das Kind ist immer noch bewusstlos, aber es lebt. Abends gehe ich an der Schlafzimmertür meiner Eltern vorbei und höre meine Mutter weinen. 

Musik

Autorin:
Ich frage meine Mutter heute, nach fast vierzig Jahren, wie es ihr damals nach dem Unfall ging. Sie sagt: „Das Wichtigste war ein Gespräch mit dem Vater des Kindes. Er gab mir keine Schuld. Denn er wusste, wie das ist. Zwei Wochen zuvor war ihm ein Fahrradfahrer ins Auto gefahren.“

Steffi ist wieder gesund geworden. Obwohl festgestellt wurde, dass meine Mutter juristisch unschuldig war, sagt sie heute: „Ich war schuldig Ich hätte vorsichtiger fahren müssen.“

Musik

Autorin:
Mit Schuld leben - wie geht das, geht das überhaupt? Wie kann jemand, der oder die einen anderen Menschen verletzt hat, wieder froh werden? Gibt es eine Befreiung von Schuld? Muss oder kann ein schuldig gewordener Mensch etwas tun, um entlasteter zu leben? Was heißt: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“? Das ist ein Thema des Buß-und Bettags, den wir heute feiern.

Schuld verändert das Leben. Auch wer versucht, die Schuld zu verbergen, merkt: sie kommt immer wieder hoch. Marlene Röder hat darüber ein Buch geschrieben, das in diesem Jahr den Ev. Buchpreis erhielt. Es ist ein spannender Krimi für Jugendliche und heißt „Zebraland“.

Marlene Röder -  dlf-Interview: Ich denke, dass die Erfahrung von Schuld eine ist, die auch Jugendliche in ihrem Alltag machen, die wir alle in unserem Alltag immer wieder machen auf verschiedenste Art und Weise, dass etwas passiert, das wir nicht mehr rückgängig machen können, wo man sich schlecht fühlt, wo man vielleicht sich seinen Mitmenschen gegenüber nicht angemessen verhalten hat und wie man damit umgeht, ….., das hat mich interessiert, und welche Auswirkungen das auf das Leben dieser Jugendlichen hat.

Sprecher: Vier Jugendliche sind in einer Sommernacht mit dem Auto auf dem Heimweg von einem Festival.

Hörbild

Sie haben ein Moped gerammt. Die Fahrerin liegt leblos an der Böschung. Es ist Jasmin, ein türkisches Mädchen aus ihrer Schule. Alle nennen sie Zebra, weil sie immer ein schwarz-weiß gestreiftes Kopftuch trägt. Panisch und ohne zu überlegen verlassen die vier Jugendlichen den Unfallort, verwischen in der Folgezeit die Spuren und verabreden das gemeinsame Stillschweigen. Aus dem Radio erfahren sie, dass das Mädchen auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben ist. Eine der vier will die Polizei benachrichtigen, doch die drei anderen überstimmen sie und entscheiden, so weiterzuleben wie bisher. Zu tun, als sei nichts geschehen. Wir schaffen das, wenn wir zusammenhalten, meinen sie.

Musik

Autorin: Die Jugendlichen schaffen es nicht. Sie bekommen Briefe erpresserische Briefe. Für ihre Tat sollen sie büßen und Sühne leisten. Judith soll den Sportwettbewerb aufgeben, für den sie lange trainiert hat, Phil sein Amt als Chefredakteur der Schülerzeitung abgeben. Anouk soll sich tätowieren lassen. Alle vier sollen sich nackt fotografieren mit dem Autokennzeichen des Tatfahrzeugs in der Hand. Und mehr noch: Ziggy soll ein Zebra im Streichelzoo erschießen. Zebra, so wurde das getötete Mädchen wegen seines Kopftuchs immer genannt.Alle Forderungen erfüllen die Jugendlichen. Doch das Zebra können sie nicht töten.

Dann kommt es raus: Hinter diesen Briefen steckt kein Fremder, sondern Judith, eine der vier. Sie findet es furchtbar, was aus ihr und ihrem besten Freund Phil nach dem Unfall geworden ist:  Früher wollten sie Journalisten werden, die sich für Gerechtigkeit einsetzen. Nun lügen und betrügen sie. Noch schlimmer ist, was sie tun, um ihre Schuld zu verdecken. Phil und Ziggy erschießen das Zebra nicht. Sie hofft, alles wird wieder gut. Doch sie hat sich geirrt. Phil ist wütend darüber, dass sie sich zur Richterin gemacht hat.  Sie trennen sich in tiefer Wut und Verzweiflung.

Anouk, Phil und Judith verlassen später die Stadt. Nur Ziggy bleibt da. Die Erinnerung an das tote Mädchen lässt ihn nicht los. Immer wieder muss er an Jasmin denken, das sie Zebra nannten. Eines Tages malt er ein großes Zebra an die Schulwand. Der Hausmeister erwischt ihn.

 O-Ton von Hörbuch „Zebraland“: „Die Schule verzichtet großzügig auf eine Anzeige wegen Vandalismus.
Dafür muss ich mein Zebra mit weißer Farbe überstreichen. Der Hausmeister ist noch voller Genugtuung über seinen Fang. Ab und zu kommt er vorbei, um mir beim Schuften zuzugucken. Nach zwei Tagen Arbeit ist nichts mehr zu sehne. So als hätte es das Zebra nie gegeben. Nur wenn die Sonne auf die Wand fällt, kann man es noch erahnen. Der Hausmeister brummt zustimmend und ich bin endlassen. „Eins würde mich interessieren, Junge“, sagt er, bevor ich mich aus dem Staub machen kann. „Wieso hast du es nachmittags gemacht? Man könnte ja fast meinen, du wolltest erwischt werden

Autorin: Ja, Ziggy will,dass jemand aufmerksam wird auf das Zebra, das er zusammen mit den anderen totgefahren hat. Und es gibt nur einen mit dem er darüber reden kann: seinen Cousin Elmar. Mit Elmar teilt er seine Liebe zur Reaggy Musik. Mit ihm zusammen macht er Musik. Elmar muss er nichts vormachen:

O-Ton: Er kennt mich gut, er merkt gleich, dass etwas nicht stimmt. Aber im Gegensatz zu meiner Mutter weiß er, wie er mich zum Reden kriegt: er lässt mich einfach in Ruhe, so lange, bis mir mein eigenes Schweigen auf den Kopf fällt. Während der letzten Monate ist das Schweigen so schwer geworden, dass es mich langsam begräbt und ich darunter ersticke. Ich gehe daran kaputt. Die Wahrheit muss endlich raus, egal was dann passiert. ...........................Jetzt oder nie. Ich hole tief Luft und fange an.

Musik

Ungefähr acht Quadratmeter ist der Raum groß. Gegenüber von der Tür ist ein Fenster, ziemlich hoch und vergittert?? Die Wände sind kahl bis auf ein paar Plakate. Ein Tisch steht an der Wand. An beiden Seiten jeweils ein Stuhl. Wer da sitzt, sieht die schwere Stahltür gegenüber. Links davon ein Schemel, neben einem  Schrank. Auf dem Schemel eine Pappbox mit Papiertaschentüchern.

Hier arbeitet Adrian Tillmanns. Er ist Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Werl. Zu ihm kommen Männer, die schwere Verbrechen begangen haben: Mord und Totschlag, Gewalt, Raub etc. Viele leben hier jahrelang, weggeschlossen von der Gesellschaft, fernab von ihren Familien und Freunden.

Dem  Seelsorgern brauchen sie nichts vorzumachen. Sie vertrauen ihm. Er wird ihre Worte nicht gegen sie verwenden. Denn er ist zur Verschwiegenheit verpflichtet. Die seelsorgerliche Verschwiegenheit verwandelt Pfarrer Tillmanns Sprechzimmer in einen Frei-Raum. Hier holen die Männer tief Luft und erzählen. Nicht alle trau‘n sich zu reden. Aber ungefähr ein Drittel der Männer spricht mit ihm und ist froh über die Taschentücher aus der „Trostbox“.

O-Ton: (Tillmanns): Das setzt voraus, dass dieser Mensch, eigentlich, wenn er ein Stück ehrlich mit sich ist und sich zugestehen muss, dass, wenn er das mit sich alleine regeln will, das nicht klappen kann. Der wird darin vereinsamen, der wird schlaflose Nächte haben, aber er kann  das ja keinem mitteilen, wenn er das keinem mitteilen kann, kommt er aus…….So sind wir eben nicht gestrickt, dass wir das so hinkriegen.… Ich kann es nicht alleine. Ich kann es nicht alleine besprechen. Ich hatte gestern noch einen, der sagte,  dass ich hier so offen rede, das ist jetzt das zweite Mal. Ich merke, dass mir das gut tut und ich habe mich das jahrelang nicht getraut. Also es liegt auch am Trauen, obwohl ich genau weiß dass mich das nachts einholt und meine Gedanken darum kreisen, ja, so eröffnet sich was.

Autorin: Der erste Schritt ist schwierig. Danach kann der Seelsorger helfen. Mit seinem Blick auf den Häftling. Er sieht den Mann. Und er sieht seine Schuld. Er sieht beides getrennt. Er unterscheidet zwischen dem schuldig gewordenen Menschen und der Tat. So wie Gott das auch macht. Gott sieht den Menschen, aber er kann den Menschen auch ohne die Tat sehen. Und das macht Adrian Tillmanns auch, wenn die Männer zu ihm kommen:

O-Ton: (Tillmanns) Es gibt persönliche Dinge, die in deinem Leben so sind, und die in deiner Persönlichkeit so liegen, dass du zu solchen Lösungen gegriffen hast aber du bist das nicht nur, nein natürlich nicht. So trenn ich das und so kann damit umgehen und habe eigentlich bis dato wohl bei Delikten mal geschluckt aber selten  bei Menschen, so kann ich das sagen.

Autorin: Tillmanns redet die schwere Schuld nicht klein. Aber mit Hilfe der alten theologischen Begriffe kann er den Schuldigen beistehen.

O-Ton: Der Begriffe von Schuld und Vergebung, also hier sind alle schuldig und alle hoffen darauf, dass man ihnen bis zu einem gewissen Grad soviel vergeben kann, dass sie überhaupt noch wieder ein Leben haben. Der Begriff von Gnade, das ist, dass mir jemand noch einmal ganz normal als Mensch gegenübertreten kann, obwohl ich möglicherweise Schuld am Tod eines Menschen bin. Das kann man auch nur mit diesem Begriff beschreiben. Die Vergebung der Sünden, wenn die hier nicht mehr gelten sollte könnten wir die ganze Lehre auf den Müll schmeißen. Wenn wir den Satz von der Befreiung des Menschen hier nicht mehr anwenden können, dann könnten wir unsere Theologie auch auf den Müll schmeißen. 14:27-15:35 (…. = Auslassungen)

Musik

Sprecher:
Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: Der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.

Autorin: Wer so betet, hat neuen Lebensmut gefunden. Selbst konnte er sich seine Schuld nicht vergeben. Er ertrug es nicht, sein Gesicht im Spiegel zu sehen, aber Gott kann ihn anschauen und sagtt: Du darfst weiter leben. Du bekommst eine neue Chance. Deine Tat ist nicht vergessen. Aber du bist mehr als diese Tat. Gott nimmt jeden Menschen an, auch einen  mit schwerer Schuld. Menschen ohne religiöse Bindung können darauf fast nie vertrauen.

O-Ton: Schuld kann dazu führen, dass ich mich selber aufgebe, dass ich selber, ja, würd ich mich selber entlassen? sagen ja manche sehr direkt,  vielleicht würd ich das gar nicht mal ….. wenn ich diese Realität zulasse, kann ich mich dann überhaupt noch leiden, kann ich dann noch von mir sagen, jo, ich habe ein Recht darauf, dass ich dieses oder jenes noch in meinem Leben mache? Und so tief geht das ja oft. Gerade hier. Wir sind hier in Werl. Da sind die Delikte erheblich und da geht das genauso tief, ja  und dann wird’s schwierig.

Autorin: Meine Mutter hat damals ein Kind verletzt. Sie wollte es nicht. 40 Jahre später spürt sie immer noch die Schwere der Schuld von damals. Die Jugendlichen im Buch Zebraland geben den Unfall nicht zu, weil sie nicht ertragen können, dass sie schuldig geworden sind. Sie schämen sich. Je länger sie aber die Schuld verbergen, desto mehr wächst ihr Hass auf sich selbst und einander.

Insassen der Justizvollzugsanstalt Werl wollen sich oft schwerer bestrafen als die Richter. Die nämlich haben der Strafe einen Endpunkt gesetzt. Eine Jurastudentin erzählte mir, dass Studierende oft viel  härtere Urteile fällten als die meisten Richter es in der Praxis tun. Ihr Professor sagt dazu: bei  Studenten und Studentinnen ist der Rachegedanke stark. Rache aber sei nicht der Sinn der Strafe. Ein Urteil müsse immer auch Vergebung enthalten. Verurteilte sollten ihre Tat sühnen und neues Leben führen können. Wer am Anfang des Studiums steht, fordert spontan härtere Strafen. Ich kann das gut verstehen. Was steckt hinter diesem Wunsch nach härteren Strafen? Ist es die Hoffnung, dadurch das Unheil auszurotten? Ist es der Traum, Leben könnte perfekt sein ohne Schuld? Wer so strafen möchte, strebt für sich selbst ein fehler- und  schuldloses Leben an. Wer von sich selbst Perfektion verlangt, bestraft im anderen die Fehler und Schwächen, die er selbst begehen könnte. Beginge er aber diese Fehler, könnte er nicht mehr in den Spiegel sehen. Zu sehr bedrückte ihn die Scham.Wer nicht akzeptiert, dass Schuld zum Leben gehört, kann Strafe nur verlängern.

Musik

Sprecher:
Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: Der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.

Autorin: Das biblische Menschenbild träumt nicht vom perfekten Menschen, sondern geht davon aus, dass Menschen in ihrem Leben schuldig werden und Gottes Vergebung brauchen. Jeder Mensch wird mit Schuld leben, sagt die Bibel. Jeder Mensch kann aber auch mit Schuld leben, sagt die Bibel. Denn: Gott vergibt alle Sünde. Ein Geschehen in drei Schritten ist damit gemeint: Gott hilft mir, zu akzeptieren, dass ich schuldig geworden bin. Gott urteilt über mich, aber Gottes Urteil zerstört mich nicht. Das Urteil hilft mir, einen Weg aus der Schuld heraus zu suchen. Exemplarisch ist eine Geschichte im Johannes-Evangelium:

Sprecher: Männer haben eine Frau beim Ehebruch erwischt. Sie haben sie aus dem Haus geschleift und zur Verurteilung auf einen Platz gezerrt. Eine Frau, die die Ehe bricht, hat kein Anrecht mehr weiterzuleben. So legen sie das Gesetz des Mose aus. Sie wollen, dass Jesus ihrem Tun zustimmt. Doch Jesus verweigert sich. Er nimmt sich Zeit zum Überlegen und sagt danach zu den Männern: Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Keiner wirft einen Stein. Alle Männer verlassen den Platz. Jesus hebt die Frau auf, schaut sie an und sagt zu ihr: Geh und sündige hinfort nicht mehr.

Autorin: Jesus wendet das zerstörerische Urteil von der Frau ab. Das, was die Frau getan hat, nennt auch er Sünde. Aber er sieht in der Frau mehr als eine Sünderin. Er sieht in ihr eine Frau, die anders leben kann, ohne Sünde. Das traut er ihr zu. Und dazu fordert er sie auf.

So schnell wie bei Jesus geht bei uns das Vergeben selten. Weder gegenüber anderen noch gegenüber uns selbst. Vergebung ist ein langwieriger Prozess. Je schwerwiegender die Schuld ist, desto schwerer ist es zu vergeben.

Musik

Sprecher: Und vergib uns unsre Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Autorin: Diese Bitte des Vater unsers wird jedem Gottesdienst gesprochen. Manchmal wird sie nur so dahin gesagt. Wenn wir diesen Worten trauten, dann hätten wir ein anderes Bild von uns selbst und von anderen. Diese Bitte gibt es zu: Wir sind schuld: Alle, die so beten, sind schuldig. Ja, so ist das Leben. Schuld gehört dazu. Der Theologe und Psychologe Michael Klessmann beschreibt das so:

Sprecher: Wir sind nie so wie wir sein könnten und sollten. Immer wieder stoßen wir an die Grenzen unserer Liebesfähigkeit, an die Grenzen unserer Kommunikationsfähigkeit, an die Grenzen unserer Menschlichkeit. Gute Absichten und vernünftiges Kalkül verkehren sich ins Gegenteil; Leben ist nur auf Kosten anderen Lebens möglich…Existenzielle Schuld ist in diesem Sinn unausweichlich, sie macht die Tragik und die Freiheit des Menschen aus. (M.K.: „Was habe ich bloß gemacht…!?“ in: Jabokk, Bd 5, HG Ebach, Gutmann, Frettlöh und Weinrich, Gütersloh 2004)

Autorin: Es ist schwer, von sich selbst zu sagen: Ohne Schuld gibt es mich gar nicht.- Und schwingt in dem Satz nicht auch mit, alles wäre zu entschuldigen?: So ist der Mensch halt. Sieh doch Gott, du hast ihn weggeschickt aus dem Paradies. Dann find dich damit ab, dass er, dass sie schuldig wird, an dir, an den Mitmenschen, an sich selbst.

Aber Gott findet sich nicht damit ab. Davon erzählt die Bibel. Jesus betet es uns vor: Vergib uns, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…. damit wir uns alle nebeneinander stellen, alle auf eine Seite des Lebens, Gott gegenüber. Wir sollen nicht Richter oder Richterin sein, die andere in den Himmel oder in die Hölle schicken. Denn die Schuld gehört zu uns.

Manchmal passiert mir nur nichts, weil ich Glück habe oder ein Schutzengel auf mich aufgepasst hat: ich übersehe die Vorfahrt, ich bin zu schnell, meine Gedanken wandern – und ich kann noch rechtzeitig bremsen….Wie leicht aber hätte etwas passieren können. In anderen Situationen passiert es mir regelmäßig und immer wieder: Oft bewusst, aber oft auch ohne, dass ich es will: mein Tun, mein Reden, mein Nichts Tun, mein Schweigen verwundet andere zu tiefst. Ich mach etwas, das nicht wieder gut zu machen ist.
Und vergib uns unsere Schuld – mich entlastet dieses Gebet. Ich sage damit: ja, ich bin schuldig. Und gleichzeitig glaube ich: Gott macht mich frei, weiterzuleben, mutig weiterzuleben und dabei zu riskieren, anderen Leben zu nehmen. Was ich tue, wird nicht vergessen. Die Erinnerung an die Schuld bleibt als Narbe. Meine Opfer tragen sie mit sich und  ich auch.

Meine Narben erinnern mich daran, dass Gott mir vergibt. Das kann mir helfen, anderen zu vergeben. Beten Sie mit mir, wie Jesus es getan hat:
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen

Musik

Damit geht die geistliche Sendung zum Buß-und Bettag zu Ende. Einen gesegneten Abend wünscht Ihnen Kathrin Koppe-Bäumer, Pfarrerin im Kirchenkreis Arnsberg.

Audiobeitrag Buß- und Bettag


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