Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.11.10, Pastor Dr. Werner M. Ruschke

Philipp Melanchthon, Reformator und Diplomat des Glaubens

Auf dem Marktplatz der Reformationsstadt Wittenberg stehen ihre beiden Bronzestatuen ebenbürtig nebeneinander.

Ihr Zeitgenosse, der bedeutende Maler Lucas Cranach der Ältere, hat ihrer beider Porträts in Größe, Motiv und Ausführung gleichartig gestaltet. Und auch in der für die Reformation bedeutsamen Wittenberger Schlosskirche sind sie gemeinsam bestattet, jeder an einer Seite des Chorraumes. Die Rede ist von Martin Luther und Philipp Melanchthon. Als gleichberechtigt und gleichgewichtig für die Sache der Reformation wurden sie lange Zeit angesehen. Inzwischen allerdings ist im allgemeinen Bewusstsein die Reformation in erster Linie mit dem Namen Luther verbunden. Das entspricht der Neigung, dass im Nachhinein oft lediglich eine einzelne Person stellvertretend für eine ganze geschichtliche Epoche steht. Melanchthon, der Freund und engste Mitstreiter Luthers, geriet dadurch etwas in Vergessenheit. Zählte er seinerzeit mit Luther zu den großen Leitsternen der Reformation, so nimmt man ihn heute eher als kleineres Licht im Schatten Luthers wahr. Damit tut man ihm Unrecht, und auch darum will ich an ihn erinnern, vor allem aber deshalb, weil er von Einsichten beseelt war, die kaum an Aktualität verloren haben. Anlass dazu bietet ein Jubiläum, denn 1560, also vor 450 Jahren, ist Melanchthon gestorben.

Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin. Mein Name ist Werner Max Ruschke, und ich bin in Münster Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Perthes-Werkes, einem großen diakonischen Träger in Westfalen mit Angeboten vor allem für alte, aber auch für behinderte und sozial benachteiligte Menschen.

Musik

Geboren wird Philipp Melanchthon 1497 in Bretten, im heutigen Baden gelegen. Sein Vater ist Waffenschmied und am Heidelberger Hof Leiter der kurfürstlichen Waffenkammer. Bei einem Feldzug trinkt er aus einem vergifteten Brunnen, erkrankt schwer und erleidet vor seinem frühen Tod ein vierjähriges Siechtum. Als er stirbt, ist Philipp erst elf Jahre alt. Vermutlich ist es diese frühe Erfahrung der verheerenden Folgen von Kriegen, die Melanchthon zu einem aktiv für den Frieden eintretenden und Kriege verabscheuenden Menschen macht. Als später in seinem Leben konfessionelle Bürgerkriege drohen, ist das für ihn ein Irrweg, denn die Wahrheit des Glaubens soll nicht durch Macht und Gewalt, sondern allein durch die Kraft des Wortes und der Argumente bezeugt werden.

Philipp Melanchthon verbringt ein knappes Jahr im zwanzig Kilometer entfernten Pforzheim, um dort eine angesehene Lateinschule zu besuchen, also eine Vorläuferin des heutigen Gymnasiums. Genau genommen heißt Melanchthon damals noch gar nicht Melanchthon, sondern wie sein Vater mit Nachnamen Schwarzerdt. Gemäß dem akademischen Brauch der Zeit gibt ein Verwandter ihm einen Gelehrtennamen, der in der Regel eine lateinische oder griechische Fassung des deutschen Namens ist. So wird aus Schwarzerdt wortwörtlich ins Griechische übersetzt Melanchthon. Leicht auszusprechen ist dieser Name nicht, weshalb Melanchthon ihn später zu Melanthon verkürzt. Gegnerische Spötter machen später daraus einen Mehlanton.

Bereits als Zwölfjähriger wird Melanchthon Student in Heidelberg, später in Tübingen; dort legt er kurz vor seinem siebzehnten Geburtstag sein Examen als Jahrgangsbester ab. Nach Beendigung des Grundstudiums widmet er sich vor allem den großen Autoren der Antike, daneben der Astronomie, Musik und Mathematik. Mit neunzehn gibt er sein erstes Buch heraus: die Komödien des römischen Dichters Terenz. Zwei Jahre später wird sein Griechisch-Lehrbuch fertig, das fast hundert Jahre ein Standardwerk ist und über vierzig Mal nachgedruckt wird. Als an der wenige Jahre zuvor gegründeten kleinen Reformuniversität Wittenberg ein Griechischlehrer gesucht wird, beruft man den gerade erst 21jährigen Melanchthon zum Professor.

Es ist alles andere als eine imposante Erscheinung, die das neue Amt übernimmt. Melanchthon ist gerade mal 1,50 Meter groß, eine schmächtige Gestalt mit einer dünnen Stimme sowie einem leichten Sprachfehler. „Vermeintest, er wäre ein Knab gewesen“, schreibt ein Student, „von Geist aber ein Ries.“ Davon bekommen auch seine Zuhörer eine erste Ahnung, die drei Tage nach seiner Ankunft seiner Antrittsvorlesung lauschen. Er nennt sie „Über die Verbesserung der Studien der Jugend“ und entfaltet in ihr sein Bildungsprogramm. Natürlich sind die alten Sprachen zu erlernen, aber auch Geschichte und Mathematik. Umfassend gebildete Menschen will Melanchthon, damit diese zu Gott finden.

Melanchthon geht es zeitlebens um die Einheit von Glaube und Bildung, Religion und Menschlichkeit. Zwar betont er, dass Gott den Menschen in seiner Liebe annimmt unabhängig von dessen Bildungsgrad. Gleichwohl ist ihm wichtig herauszustellen, dass Unwissen das Evangelium verdunkelt, während Wissen das Evangelium zum Leuchten bringen kann.  Melanchthon ahnt oder weiß, dass Glaube und Religion ohne Bildung zum blinden Fundamentalismus und zum Fanatismus verkommen können. Bildung bedeutet für ihn das Erlernen fremder Sprachen, das Vergleichen unterschiedlicher Anschauungen sowie die Kunst, die eigene Einsicht überzeugend darzulegen. Bildung ist die Voraussetzung des Friedens, baut sie doch nicht auf Gewalt von Waffen, sondern vertraut der Macht des Wortes.

Darum schreibt er einmal, es „kann kein Zweifel bestehen, dass der Lebensform des Lehrens und Lernens das größte Wohlgefallen Gottes gilt.“ Auf diesem Hintergrund wird er zum Bildungsreformer. Er reformiert das Lehrprogramm von Universitäten, er regt die Gründung von Schulen an, schreibt Lehrpläne, veröffentlicht Lehrbücher, stellt Schulordnungen auf. Später gibt man ihm den Ehrentitel „Praeceptor Germaniae“, Lehrer Deutschlands. Dass der Protestantismus eine Bildungsreligion ist, das hat er Melanchthon zu verdanken. Selbst den Himmel stellte Melanchthon sich als eine Bildungseinrichtung vor, in welcher die alttestamentlichen Propheten mit den Verfassern der neutestamentlichen Evangelien, die Philosophen mit den Dichtern und er, Melanchthon, mit all diesen im Lichte der vollen Erkenntnis Gottes miteinander diskutieren werden.

Musik

1517, also ein Jahr ehe Melanchthon nach Wittenberg kam, hatte Martin Luther seine berühmten 95 Thesen veröffentlicht; sie gelten als öffentlicher Beginn der Reformation. Bald wird Melanchthon Anhänger der gerade erst entstehenden reformatorischen Lehre. Er hört Luthers Vorlesungen. „Von ihm habe ich das Evangelium gelernt“, erinnert er sich später. Aus dem Lernenden wird sehr rasch ein Lehrender. Bereits ein Jahr später formuliert er als erster die reformatorische Grundeinsicht, dass allein die Bibel Quelle der christlichen Wahrheit ist, nicht aber kirchliche Tradition oder kirchliches Lehramt. Nach nur einem weiteren Jahr verfasst er auf Latein die erste Gesamtdarstellung der reformatorischen Lehre, die Loci communes, also die Grundbegriffe des christlichen Glaubens. Das damals verbreitete theoretische Spekulieren über den Glauben lehnt er ab. Glaube ist für ihn unmittelbar erfahrungsbezogen und lebensdienlich. Er schreibt: „Das heißt Christus erkennen: seine Wohltaten erkennen, nicht, was die Scholastiker lehren, seine Naturen, die Art und Weise der Menschwerdung betrachten.“ Die Loci werden zum Bestseller und tragen entscheidend zur Verbreitung der neuen Lehre bei.

Luther übrigens lernt bei Melanchthon Griechisch. Melanchthon wird Luthers wichtigster Berater bei der Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Griechischen ins Deutsche, ebenso bei der Übersetzung des Alten Testaments aus dem Hebräischen. Zwar ist Luthers schöpferische Sprachkraft genial, und doch hat sie Melanchthons Sprachgenauigkeit zur Voraussetzung. Manche meinen darum, die so genannte Luther-Bibel müsse eigentlich Luther-Melanchthon-Bibel heißen.

Luther und Melanchthon jedenfalls werden enge Freunde. Luther ist es auch, der Melanchthon geradezu in eine Ehe drängte. 23jährig heiratet er Katharina Knapp. Auch für sie ist es eine Art Vernunftehe gewesen. Rein äußerlich haben offenbar beide nicht viel hergegeben: als „eine kleine, magere und unachtbare Person“ charakterisiert ein Student Melanchthon, während ein anderer schreibt, Katharina sei von einem nur „mäßigen Aussehen, nicht groß, fast schon streng“. Innerlich gibt es offenbar eine Fremdheit; der Ehemann scheint darunter zu leiden, dass seine Frau ihm geistig wenig ebenbürtig ist. Als „Tag der Trübsal“ bezeichnet er schon früh in einem Brief seinen Hochzeitstag, später sieht er in seiner Ehe eine gottgeschickte Knechtschaft: „Ich habe aufgehört, mein eigener Herr zu sein.“ Aber auch Katharina hat es nicht leicht mit ihrem Philipp, muss sie doch tagtäglich neben ihren vier Kindern auch viele Studenten und später Besucher aus aller Herren Länder im Haus beköstigen, was sie überfordert. Lange Jahre ist sie zum Teil ernsthaft krank. In den letzten Ehejahren scheint das Zusammenleben erträglicher zu sein. Als Katharina 60jährig stirbt, beklagt Melanchthon ihren Verlust: „Meine Frau sorgte für die gesamte Familie, erzog die Kinder, heilte die Kranken, linderte durch ihre Worte mein Leid und lehrte den kleinen Kindern Gebete. Deshalb vermisse ich sie jetzt in vielen Dingen.“

Musik

Anders als Luther, der gerne poltert und keinem Streit aus dem Wege geht, ist Melanchthon sanft, friedfertig, auf Ausgleich bedacht und zu Kompromissen bereit. Das macht ihn zu einem begehrten Vermittler. Versöhnen statt spalten, so kann man sein Lebensmotto bezeichnen. Johannes Rau jedenfalls hat sich bei seinem gleichnamigen Programm ausdrücklich auf Melanchthon bezogen. An fast allen wichtigen Verhandlungen der reformatorischen Seite mit Vertretern der alten Kirche ist Melanchthon beteiligt. Gut ein Drittel seines Lebens ist er nicht in Wittenberg, sondern auf Reisen zu Reichstagen und Religionsgesprächen, Kirchengemeinden und Universitäten. Selbst im katholischen Lager genießt dieser Diplomat des Glaubens hohe Wertschätzung, weil er, wie ein Zeitgenosse urteilt, „nicht bissig und neidisch, sondern sittig, freundlich und friedsam“ ist.

Für den religiösen Frieden ist Melanchthon zu fast jedem Kompromiss bereit, selbst eine evangelische Anerkennung des Papstes kann er sich vorstellen. Und auch die bis heute gültige große Bekenntnisschrift, das Augsburger Bekenntnis von 1530, von Melanchthon fast allein verfasst, benennt vor allem die Gemeinsamkeiten im Glauben, auf Grund deren eine Versöhnung zwischen Evangelischen und Katholischen doch eigentlich möglich sein müsste. Kardinal Karl Lehmann nennt ihn zurecht und lobend einen „Vater der Ökumene“.

Gegen Ende seines Lebens ist Melanchthon tief enttäuscht darüber, dass sein Ruf nach religiösem Frieden ungehört verhallt. Gegen seinen Willen ist die christliche Kirche gespalten, ein erster konfessioneller Bürgerkrieg bricht aus, und auch die evangelische Seite ist in sich heillos zerstritten. Das macht ihn tieftraurig. Wenige Tage vor seinem Tod hält er fest, warum er das Sterben nicht fürchtet: „Du wirst von den Sünden loskommen. Du wirst von der Trübsal befreit und von der Wut der Theologen.“ Und dann fährt er fort: „Du wirst zum Licht gelangen. Du wirst Gott sehen. … Du wirst die wunderbaren Geheimnisse erfahren, die du in diesem Leben nicht begreifen konntest, nämlich warum wir so, wie wir sind, geschaffen wurden und wie die göttliche und die menschliche Natur in Christus miteinander verbunden sind.“

Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag. Ihr  Werner Max Ruschke von der evangelischen Kirche aus Münster.            

Audiobeitrag Philipp Melanchthon, Reformator und Diplomat des Glaubens


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