Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.11.10, Präses Alfred Buß

Einen ewigen Namen

So ganz genau weiß der alte Mann nicht, wo seine Frau begraben liegt. Er steht auf einer großen Friedhofswiese und hält eine Blume in der Hand.

Hier irgendwo muss es sein. Vor fünf Monaten wurde seine Frau bestattet. Während der Beisetzung hat er versucht, sich die Stelle genau einzuprägen. Er schaut um sich, unsicher. Schließlich legt er seine Blume ab, neben einem Maulwurfshügel.
Namenlos, irgendwo unter dem Gras liegen sie, die Urnen hunderter Toter, dicht an dicht. Kein Namensschild, kein Grabstein deutet darauf hin, wo genau sie in der Erde verschwunden sind. Anonyme Bestattung heißt: Ein verstorbener Mensch ist nicht mehr auffindbar.

Eigentlich ist es verboten, die Wiese zu betreten, schließlich ist sie eine Grabanlage. Doch das kümmert den alten Mann nicht. Bald will er selbst hier ruhen. Der Trend ginge doch dahin, sagt er, schnell mit wenig Aufwand unter die Erde zu kommen. „Wer pflegt denn unser Grab, wenn ich nicht mehr bin?“

Menschen wollen niemandem zur Last fallen und denken sich: Letztlich ist es egal, wo man liegt. Tot ist man sowieso. Und der Name ist dann Schall und Rauch.

Einander keine Umstände machen, sich nicht zur Last fallen, sich nicht nötig haben, nichts voneinander brauchen, sich nichts zumuten, nichts erwarten – wo kommen wir da hin? Wir sehen, wo wir hinkommen: Ein Mensch wird namenlos, bleibt ungenannt, wird anonym für immer. Und unsere Friedhöfe werden zu großen Rasenflächen, vielleicht mit ein paar Maulwurfshügeln.

Morgen ist Totensonntag. Ist solch ein Rasenfriedhof ein Ort zum Erinnern, zum Trauern oder Atemholen? Kann man dort jemanden treffen, Platz nehmen, sich austauschen über Menschen, die uns vorangegangen sind? Oder brauchen wir das nicht mehr?
Dass wir es brauchen, sieht man an den Blumen, die abgelegt werden – trotz aller Anonymität. Nicht nur Blumen, auch kleine Engelsfiguren, Schmetterlinge oder Bilder. Und es brennen Kerzen. Angehörige brauchen einen Ort für ihre Trauer. Die dort liegen, sind offenbar doch nicht namenlos.

Und selbst Menschen, um die niemand mehr trauert, haben einen Namen, auch noch im Tod.

„Einen ewigen Namen werde ich ihnen geben, der nicht getilgt wird“, lesen wir beim Propheten Jesaja (Jes. 56,5)

Ein Mensch mag vergessen, entsorgt, verbrannt und verscharrt werden – doch seinen Namen kann niemand austilgen. Gott kennt uns mit Namen und gibt uns nicht dem Vergessen preis. Dass er einen Namen hat, gehört zur Würde eines Menschen. Über den Tod hinaus. Darum ist der morgige Totensonntag auch Ewigkeitssonntag. In unseren Kirchen werden die Namen derer verlesen, die verstorben sind im vergangenen Jahr. Wir hören, wie sie hießen und wie alt sie wurden. Mancherorts wird auch für jede und jeden eine Kerze angezündet.

Und doch geht in unseren Städten manch namenloses Leben auch im Tod in die Namenlosigkeit. "Keine Angehörigen" steht auf dem Totenschein. Da kann der Tote doch auch sang- und klanglos verscharrt werden. Gut, wenn die Kirchen regelmäßig nachfragen bei Heimen, Krankenhäusern, Behörden: wo sterben einsame und vergessene Menschen? Gut, wenn die dann Begleitung erfahren und würdig bestattet werden auf einem Grabfeld der Erinnerung. Gegen das Vergessen. Gott sagt: „Einen ewigen Namen werde ich ihnen geben, der nicht getilgt wird.“

Audiobeitrag Einen ewigen Namen


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