Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.11.10, Präses Alfred Buß

Pins, Tans und Chips

„Ihre Patientennummer, bitte“ meint die hinter einer Theke verschanzte Arzthelferin. Ich habe den Zettel mit der Nummer verklüngelt und nenne deshalb meinen Namen.

Unwirsch gibt ihn die junge Dame in den Computer ein. Trotzdem wage ich zu fragen, wozu die Sache mit der Nummer gut sein soll. „Weil das schneller geht“ erfahre ich. Die anschließende Behandlung entspricht dem Eiltempo an der Rezeption.

Immer öfter werden Namen Nebensache. Ob am Geldautomaten, beim Finanzamt oder bei der Krankenkasse – zunehmend wird nicht mein Name, sondern meine PIN abgefragt, meine Persönliche Identifikationsnummer. Onlineüberweisungen brauchen eine TAN, das ist eine Transaktionsnummer. Und in meinem Portemonnaie findet sich eine Sammlung von Karten mit Chips.

Die PINS, TANS und CHIPS sind ja gut zu dulden und zu ertragen, solange sie uns Zugang verschaffen – zu Konten, zu Ämtern, Ärzten oder Kundenportalen. Sie öffnen uns sonst verschlossene Fenster und Türen – im Internet sogar außerhalb aller Geschäftszeiten. Sie helfen uns, ärgerliche Verwechselungen zu vermeiden. Und die PINS, TANS und CHIPS schützen uns auch – hoffentlich – vor dem Missbrauch unserer Daten.

Doch, was ist, wenn du solche Nummern nicht hast? Wenn PIN, TAN oder CHIP darüber entscheiden, ob du dazugehörst oder nicht. Ohne Plastikkarte mit dem Sesam-öffne-dich-Chip kommst du nirgends mehr rein. Deine Identität, alles, was dich ausmacht, wird zur bloßen Abfolge von Ziffern. Ohne PIN und TAN bist du nichts mehr. Aber in unserer Gesellschaft gibt es viele Menschen, die nicht einmal mehr eine Nummer sind, geschweige denn eine haben.

Die illegale Einwanderin kann ohne Krankenversicherungschip nicht zum Arzt gehen. Ihre Kinder auch nicht. Der Obdachlose vor dem Kaufhaus bekommt ohne CHIP kein Dach über den Kopf. Er bleibt auch nachts unter freiem Himmel. Und Kindern, die in Armut groß werden, sind manche Zugänge versperrt, die andere selbstverständlich haben: zu Freizeiteinrichtungen, Bildungsangeboten oder Klassenfahrten. Wer keine PIN hat, gehört nicht dazu.

Und doch: Auch wer nicht einmal eine Nummer ist, der ist doch nicht namenlos. Die illegale Einwanderin hat einen unverlierbaren Namen. Auch der Obdachlose vor dem Kaufhaus heißt mit Namen nicht Penner. Jedes Kind wird bei seinem Namen gerufen.

Mehr noch: Christus verbindet seinen Namen mit den Namen der Geringen. Er sagt: wer ein ... Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf (Matthäus 18,5).

Im Namen eines Menschen spiegelt sich dessen Würde. Ein Mensch hat einen Namen, er ist viel mehr als eine Nummer. Und diesen Namen kennt Gott. Er kennt einen jeden von uns in seiner Einzigartigkeit. Gottes Beziehung zu seinen Menschen ist alles andere als namenlos.

Zu Gott hat jeder Zugang, ganz ohne PINS und TANS und CHIPS. Bei ihm gehören alle dazu, jede und jeder. Wenn bei Gott alle dazugehören, kann es dann sein, dass in unserem Zusammenleben Menschen draußen bleiben?

Audiobeitrag Pins, Tans und Chips


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