Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.11.10, Präses Alfred Buß

Namensruf

Hören Sie Ihren Namen eigentlich gerne? Wahrscheinlich geht es Ihnen wie mir: Das kommt ganz darauf an – in welchem Tonfall, in welcher Situation und von wem.

Alles, was ich hab' ist ein Name nur,
Den hab' ich von einem andern singt Herman van Veen

Herman, ruft ein Mann, und ich lauf' fort
Herman, ruft eine Frau, und ich zögere
Herman, ruft ein Kind, und ich fühl' mich alt
Herman, ruft der Wind, und mir wird kalt

Immer derselbe Name – immer andere Gefühle.

Wie ich meinen Namen höre, das hängt von der Beziehung zu dem Menschen ab, der ihn ausspricht – und von den Umständen. Manchmal spüre ich ein frohes Kribbeln. Da ruft mich jemand, den ich lieb habe. Aber manchmal zucke ich zusammen oder höre einfach weg. Da meint es einer nicht gut mit mir. Namensgeschichten sind Beziehungsgeschichten.

Und doch tut es gut, mit Namen angesprochen zu werden, gerade im nüchternen Alltag. Wer will schon: „Hey, Sie da!“ heißen – oder gar eine Nummer sein.

Seine Untertanen mit Namen ansprechen – das wollte auch Napoleon, als er Ostfriesland 1810 besetzt hatte. Mit dem so genannten Code Napoleon ordnete er an, alle Ostfriesen sollten feste Familiennamen führen. Die hatten die Ostfriesen nämlich nicht. Schöne und eigenwillige Vornamen kannten und kennen sie: Harm und Engelke, Focko und Trientje, Gretje, Maykelina, Enno usw. Aber bei den Familiennamen war es Sitte, dass das Kind den Vornamen des Vaters als Familiennamen übernahm, als Kennzeichen dafür, wohin es gehörte.

So hieß der Sohn von Jan Dirks Dirk Jansen. Dirk Jan-sen eben, also Jan seiner. Die nächste Generation hieß dann wieder Dirks, weil sie zu Dirk gehörte. Und da der Vorname vom Großvater kam, hieß der älteste Enkel wiederum Jan Dirks. Dessen Sohn konnte dann wieder Dirk Jansen heißen. Der Varianten gab es viele. Wichtig war: In einer Familie durften keine Namen verloren gehen, auch die weiblichen nicht. Alle Aufmerksamkeit galt den familiären Beziehungen, aber nicht festen Familiennamen.
Napoleon hingegen bestand auf einen festen Namen für jede Familie. Doch weil die Ostfriesen dickköpfig sein können, haben sie sein Dekret nur äußerlich befolgt, in Wahrheit aber unterlaufen. Denn eigentlich ging es Napoleon ja gar nicht um Namen, sondern um zuverlässige Listen für Rekruten und Steuereintreibung. Den Ostfriesen aber ging es um Zugehörigkeit und Beziehung.

Eltern benennen ihr Kind, auch heute. Sie suchen Namen aus – mit viel Liebe und Sorgfalt. Wie gut, wenn Kinder ihren Namen dann auch gern hören, weil sie spüren, dass sie gerufen und geliebt werden. Der Namensruf jedes Menschen kommt von viel weiter her: Bevor Eltern ihr Kind ansprechen, ist es schon von Gott beim Namen gerufen. Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein (Jes 43,1).

Namensgeschichten sind Beziehungsgeschichten. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch soll nicht anonym bleiben, sondern in jeder Hinsicht namhaft sein. Darum geht es in den Morgenandachten dieser Woche.

Audiobeitrag Namensruf


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