Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.11.10, Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Auf was wartest Du?

Die Abschaffung des Buß- und Bettags als gesetzlicher Feiertag im Jahr 1995 ist so lange her, dass vielleicht manche von Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer,

gar nicht mehr wissen, dass Sie heute vor sechszehn Jahren um diese Zeit vermutlich nicht Radio gehört, sondern ausgeschlafen hätten. Und viele von denen, die sich noch daran erinnern, wissen bestimmt nicht mehr, warum dieser Feiertag überhaupt abgeschafft wurde.

Worum ging’s damals? Durch die Beiträge zur neu eingeführten Pflegeversicherung kamen auf die Arbeitgeber Mehrkosten zu. Die sollten durch einen Tag Mehrarbeit seitens der Arbeitnehmer ausgeglichen werden. Der Gesetzgeber verkaufte diese Regelung mit dem Argument, dass damit Erhöhungen der Versicherungsbeiträge vermieden werden könnten. Wer sich heute, fünfzehn Jahre später, die Kassenlage der Pflegeversicherung und die Höhe der Beiträge anschaut, stellt fest: Das Ganze war volkswirtschaftlich ein Riesenflop.

Dass der Buß- und Bettag trotzdem als gesetzlicher Feiertag nicht wieder eingeführt wurde, hindert die meisten Gemeinden der evangelischen Kirche nicht daran, ihn heute zu feiern und entsprechende Gottesdienste anzubieten. Der Titel des Tages ist allerdings ziemlich missverständlich. „Bußtage“ waren in den antiken Religionen der Versuch, durch besondere Sühneopfer die Götter gnädig zu stimmen. Auch in der mittelalterlichen Kirche hat sowas eine Rolle gespielt. Beim evangelischen Buß- und Bettag dagegen geht es nicht um Büßen für begangene Vergehen im Sinne von „bestraft werden“, sondern um eine Haltungsänderung, um eine Umkehr zu Gott.

„Buße“ könnte man also übersetzen mit: „anhalten – nachdenken – umkehren“. Ich finde: Das kann eine ganz aktuelle Strategie sein. Denken Sie bloß mal an die vielen Schnellschüsse, die im Bereich der Politik fallen. Sie haben in diesem Jahr geradezu massenhaft zu öffentlichen Diskussionen, Demonstrationen und Protesten geführt, in denen Worte wie „Moratorium“, „Baustopp“ oder „Revision“ eine zentrale Rolle spielen. Es scheint so zu sein, dass in unserer so gern als „schnelllebig“ bezeichneten Zeit viele Entscheidungs- und Veränderungsprozesse eine allzu rasante Eigendynamik gewinnen. Was schnell lebt, ist dann oft auch schnell wieder tot. Und erst im Nachhinein fällt auf, dass man besser früher mal angehalten und nachgedacht hätte.

Solches Anhalten und Nachdenken ist allerdings kein Selbstzweck. Sondern gerade im dicksten Trubel, wenn die sogenannten Sachzwänge und Notwendigkeiten durcheinanderpurzeln, soll Zeit sein, sich zu vergewissern, wo man herkommt und wo man hinwill. Wenn Christin-nen und Christen am Bußtag von „Umkehr zu Gott“ sprechen, dann geht es darum, woher ich eigentlich die leitenden Werte und Maßstäbe beziehe – für mein Handeln ebenso wie für das, wovon ich die Finger lasse.

Die diesjährige Buß- und Bettags-Kampagne der Kirchen von Hessen und Bayern steht unter dem Motto „Auf was wartest du?“ Hinter dieser Frage steckt die Überzeugung, dass in unserer Welt eben nicht schon alles festliegt, ausgemacht und ausgerechnet ist, sondern dass in ihr Gott auf eine immer neue, überraschende und unerwartete Weise handelt. Der Glaube daran kann mir eine große Hilfe sein, im Gedränge der Entscheidungen, die ich treffen, und im Getöse der Parolen und Meinungen, die ich hören muss, kühlen Kopf zu bewahren. Daran erinnert der Buß-und Bettag.

Audiobeitrag Auf was wartest Du?


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