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Unter´m Strich zähl´ ich
Vielleicht ist es Ihnen ja auch schon mal aufgefallen: Die gleichen Leute, die sich morgens in der Kaffeepause darüber aufregen,
dass sich die Ausländer bei uns nicht anpassen, alle kein Deutsch können und vor dem Einschlafen Bomben basteln, finden den türkischen Gemüsehändler zu Hause um die Ecke einen duften Typen, und dass seine Töchter Kopftuch tragen, ist ihnen schnurz. Die gleichen Leute, die Samstag nachmittags beim Unkrautjäten im Vorgarten den Prospektausträger treffen, ein paar Worte mit ihm wechseln und es gemeinsam mit ihm empörend finden, dass für vierhundert Euro im Monat einer um diese Zeit noch arbeiten gehen muss, sind fest davon überzeugt, dass es den Hartz-IV-Empfängern immer noch viel zu gut geht. Sogar diejenigen, die sich für erneuerbare Energien einsetzen, Wasserverschwendung meiden und nur ökologisch einwandfreie Produkte verzehren, sind dieselben, die an der Tankstelle umkehren und mit dem Auto drei Kilometer weiter zur nächsten fahren, weil dort der Sprit gerade heute einen Cent billiger ist.
Billig ist es natürlich auch, solche Widersprüche anzunageln. Aber bemerkenswert ist es schon, was da sichtbar wird: Einerseits werden landauf landab so genannte Wertediskussionen geführt, andererseits reichen die dort diskutierten Wertmaßstäbe im Alltag nicht mal bis um die nächste Ecke. Ob der Bundespräsident den Islam als inzwischen zu Deutschland gehörig deklariert, ob die Grundsicherung für Arbeitslose weit genug von den Mindestlöhnen entfernt ist oder ob die Laufzeit von Atomkraftwerken verlängert wird, spielt sich in einer völlig anderen Welt ab als in der, in der ich gerade aufgewacht und aufgestanden bin.
Ich glaube, dass das einen Grund hat. Kein Mensch fragt mehr, was bestimmte politische Entscheidungen mit uns oder unseren Lebensbedingungen machen. Stattdessen gilt: Unterm Strich zähl ich, wie die Werbewirtschaft, stets auf der Höhe der Zeit, prägnant formuliert. Der Normalbürger ist weder rassistisch noch rücksichtlos noch Umweltsau. Aber Egoist, das ist er mit Leib und Seele. Die tiefsitzende Angst vor dem Abrutschen, vor allem Fremden und vor dem Verlust dessen, was man hat, lässt den Satz, dass sich jeder selbst der Nächste ist, als vollkommen selbstverständliches Allgemeingut durchgehen.
Damit verbindet sich ein Totalausverkauf von Ethik und Moral, über den das ethische Pathos und die moralischen Zeigefinger bei Plasberg, Illner, Will und Beckmann keineswegs hinwegtäuschen können. Zockende Bankmanager, Bürgermeister, die an ihren Stühlen kleben, und bis zur Halskrause vollgedopte Sportler sind weder die Ausnahme noch abschreckende Beispiele. Sie bieten lediglich besonders sensationelle Spielarten einer ausschließlich auf sich selbst bezogenen Haltung, die im Prinzip jeder einnimmt, sobald er das Gefühl kriegt, es werde an der relativen Sicherheit seines Alltags gerüttelt.
In der Bergpredigt sagt Jesus einmal: Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, biete ihm auch die andere dar. Wenn jemand deinen Rock beansprucht, gib ihm auch den Mantel. Wenn dich einer nötigt, eine Meile mitzugehen, dann geh mit ihm zwei. Hinter diesen steilen Forderungen steckt die Einsicht, dass ohne solches Absehen von sich selbst menschliches Leben und Zusammenleben nicht gelingen kann. Der christliche Glaube kann deshalb gerade heute dabei helfen, die Kunst, kein Egoist zu sein, wieder neu zu lernen. Die Kirche, die das predigt, ist inzwischen selbst nur noch Minderheit, und zwar genau deswegen. Aber das kann sie nicht davon abhalten, der Gesellschaft diesen Dienst zu leisten
Unter´m Strich zähl´ ich
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