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Solidarität - nein danke?
Dies ist ein Herbst des Widerstandes, wie ihn Deutschland lange nicht erlebt hat, formulierte kürzlich jemand in einer der zahllosen Fernsehtalkshows.
Und wie immer, wenn die Sprache pathetisch wird, steckt auch in diesem Falle nichts dahinter. Gewiss, auf den ersten Blick mag es so aussehen, als werde die Republik von einer Protestkundgebung nach der anderen erschüttert. Aber auf den zweiten merkt man, dass dem keineswegs so ist. Viele Themen lassen die Bevölkerung kalt. Himmelschreiende Ungerechtigkeit quittiert sie mit einem Achselzucken.
Zum Beispiel: Wenn die Grundsicherung für Arbeitslose um nur fünf Euro erhöht wird, wenn Menschen an der Armutsgrenze jetzt auch noch das Heizungsgeld gekappt wird - da geht kein Mensch auf die Straße. Protestiert haben nur die Profis, die Gewerkschaften, die Kirchen, die Wohlfahrtsverbände. Und während sie noch gegen die fortschreitende Entsolidarisierung mit den Ärmsten der Armen ankämpfen, erscheinen Umfragen, nach denen die Mehrheit der Bevölkerung die Hartz-IV Sätze für zu hoch hält und Langzeitarbeitslose entweder für selbst Schuld oder für Abzocker.
Unsere Gesellschaft ist trotz der verbreiteten Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann, von einem enormen Verlust dessen geprägt, was man früher mal Solidarität genannt hat. Der Politikwissenschaftler Franz Walter stellt dazu fest: Solidarität im Wohlfahrtsstaat beruhte auf Wechselseitigkeit: Die Etablierten gaben den bedrängten Anderen, wenn sie erwarten durften, später in einer kritischen Situation vergleichbare Hilfe zurückzuerhalten. Genau das aber, so Walter, sei seit dreißig Jahren schleichend verloren gegangen. Es habe sich eine Schicht von Überflüssigen, Entbehrlichen und Verlorenen entwickelt, die nie mehr zurückgeben könne, was ihnen über den Sozialstaat zugewiesen werde. Deswegen gehe dem steuerzahlenden Mittelstand das Messer in der Tasche auf, wenn einer was einsteckt, ohne was dafür getan zu haben.
Ein vielzitierter Satz im Galaterbrief des Apostels Paulus lautet: Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Auch die ersten Christen kannten also schon den solidarischen Lastenausgleich. Auch für sie war er keine Einbahnstraße, sondern auf Wechselseitigkeit aus: einer des anderen und umgekehrt. Und das Gesetz Christi, von dem hier die Rede ist, lautet: Liebe deinen Nächsten nicht bloß irgendwie, sondern wie dich selbst. Es ist nicht verboten, auch nicht für Christinnen und Christen, an sich selbst zu denken.
Allerdings: Es geht nie darum, etwas zurückzugeben. Sondern einer trägt des anderen Last in dem Glauben, dass Jesus die Last aller auf sich genommen hat. Also nicht: Ich geb dir, dann gibst du mir. Sondern: Ich gebe, weil Gott mir gegeben hat. Dahinter steckt die Überzeugung, dass jeder Mensch einen unverwechselbaren Wert hat. Der ist mehr, als sich in Euro und Cent verwerten lässt. Der Frührentner, der ergänzende Stütze vom Sozialamt bezieht, kann ein prima Vorlese-Opa im Kindergarten sein. Mit Hartz-IV eine Familie am Laufen zu halten, ist eine echte Leistung. Jeder kann irgendwas. Und jeder ist etwas wert. Das gilt es, wiederzuentdecken. Dann wirds auch mit der gesellschaftlichen Solidarität wieder klappen.
Solidarität - nein danke?
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