Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.11.10, Pfarrer Reinhard Ellsel

„Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ (eg 193,1-3)

Choral (Vorspiel, Strophe 1): Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort / und steure deiner Feinde Mord, / die Jesum Christum, deinen Sohn, / wollen stürzen von deinem Thron.

Autor: "Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort." Dem Wort Gottes ist nichts vorzuziehen. Nichts entgegen zu setzen. Denn es ist viel tragfähiger als alle Menschenworte. Menschen können sich irren. Menschen äußern sich mal so und mal anders. Das Wort Gottes aber gibt uns verlässliche Orientierung für unser Leben. So preisen schon die Psalmen:  

Sprecherin: Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. (Psalm 119,105)   
Sprecher: Dein Wort macht mich klug. (Psalm 119,104)
Sprecherin: Dein Wort ist meinem Munde süßer als Honig. (Psalm 119,103)
Sprecher: Der Herr ist getreu in allen seinen Worten. (Psalm 145,13b)
Sprecherin: Herr, dein Wort bleibt ewiglich; so weit der Himmel reicht. (Psalm 119,89)

Autor: Martin Luther hat durch das Studium der Heiligen Schrift die befreiende Kraft des Wortes Gottes entdeckt: Allein durch Jesus Christus werden wir allein aus Gnade zu Gottes geliebten Kindern. Diese Kindschaft können wir uns nicht verdienen. Wir erhalten sie geschenkt. Allein durch den Glauben. Das verspricht allein die Heilige Schrift. Einprägsam wird Luthers Theologie der Reformation mit den so genannten vier "Soli" auf den Punkt gebracht. "Solus" heißt lateinisch "allein": "Solus Christus!" Allein bei ihm und durch ihn finden wird das Heil. Es gibt keine anderen Heilsvermittler, weder Papst noch Heilige. "Sola gratia!"  Allein aus Gnade sind wir Gottes Kinder, unverdient. "Sola fide!" Allein der Glaube rettet uns. Weder fromme "Werke" noch irgendwelche guten Taten versöhnen uns mit Gott. Und schließlich: "Sola scriptura!" Allein die Schrift. Die Bibel als Wort Gottes soll die Grundlage des Glaubens sein.       

Choral (Strophe 1): Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort / und steure deiner Feinde Mord, /
die Jesum Christum, deinen Sohn, / wollen stürzen von deinem Thron.       

Sprecher: Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort / und steure deiner Feinde Mord, / die Jesus Christus, deinen Sohn, / wollen stürzen von deinem Thron.       

Autor: Martin Luther hat dieses Lied gut drei Jahre vor seinem Tod gedichtet, 1542. Es war für ihn und die reformatorische Bewegung eine Zeit großer Gefahr. Auf religiöser und politischer Ebene: Das türkische Heer hatte in Ungarn die deutschen Truppen vernichtend geschlagen. Die Türken hatten sich außerdem mit dem katholischen Frankreich verbündet, um gegen den deutschen Kaiser zu kämpfen. Nun waren Gerüchte im Umlauf, dass sogar der Papst diesem Bündnis gegen Deutschland beigetreten sei. Deshalb hat Luther die erste Strophe seines Liedes ursprünglich so gedichtet:  

Sprecher: Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort / und steuer des Papsts und Türken Mord.

Autor: Harte Worte des Reformators. Die nur zu verstehen sind aus den Ängsten vor den türkischen Truppen und den leidvollen Erfahrungen, die Luther mit der römisch-katholischen Machtkirche und insbesondere mit dem Papsttum seiner Zeit gemacht hat. Ursprünglich ist sein Lied ein Gebet. Es besteht nur aus drei kurzen Strophen, die jeweils einen Satz beinhalten. In diesen wenigen Worten steckt allerdings ein gewaltiger Inhalt. Das Lied hat sich sozusagen zu einem "Kampflied" der Reformation entwickelt. Keines von Luthers Liedern ist im Laufe der Jahre so umstritten gewesen, wie eben dieses. Im grimmigen Spott sangen Katholiken dagegen:

Choral: Vorspiel

Sprecherin: Erhalt uns, Herr, bei deiner Wurst, sechs Maß die löschen einem den Durst.

Choral (Strophe 1): Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort / und steure deiner Feinde Mord, /
die Jesum Christum, deinen Sohn, / wollen stürzen von deinem Thron.

Autor: Die erste Strophe ist ein Hilferuf nach dem rechten Fundament des Glaubens: "Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort!" Denn das Wort Gottes lehrt, dass Jesus der Herr ist; der Herr der Kirche und der Herr der Welt. Das war der Grund für die ganze Reformation. Zu dem Wort Gottes, wie es in der Bibel zu finden ist, hatte damals allerdings das einfache Volk keinen Zugang. Die Bibel gab es nur in lateinischer Sprache. Deshalb wollte Luther das Wort Gottes für jeden zugänglich machen. Er übersetzte die Bibel ins Deutsche. 

Sprecher: Ich habe mich beim Übersetzen eifrig bemüht, dass ich rein und klar Deutsch rede, gutes Deutsch wie die Mutter im Haus und der einfache Mann, dass es so ins Herz dringe und klinge, durch alle Sinne. (aus: Sendbrief vom Dolmetschen, 1530)  

Choral (Strophe 2): Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ, / der du Herr aller Herren bist, /
beschirm dein arme Christenheit, / dass sie dich lob in Ewigkeit.        

Sprecherin: Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ, / der du Herr aller Herren bist, /
beschirm dein arme Christenheit, / dass sie dich lob in Ewigkeit.       

Autor: Zwischen den einzelnen Konfessionen sind die Gräben längst nicht mehr so tief wie zur Zeit der Reformation. Viele Missverständnisse haben wir ausgeräumt und voneinander gelernt. Katholische und evangelische Christen schätzen das Wort Gottes gleichermaßen. Konfessionsübergreifend bekennen wir, dass Jesus der Herr der Kirche ist; dass er uns Christen beschirmt und eint; dass er uns selig macht.

Sprecherin: Jesus spricht: Ich bitte für alle, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. (vgl. Joh 17,20f)      

Choral (Strophe 3): Gott, Heilger Geist, du Tröster wert, / gib deim Volk einerlei Sinn auf Erd, / steh bei uns in der letzten Not, / g`leit uns ins Leben aus dem Tod.   

Sprecherin: Gott, Heilger Geist, du Tröster wert, / gib deim Volk einerlei Sinn auf Erd, /
steh bei uns in der letzten Not, / g`leit uns ins Leben aus dem Tod.

Autor: Es ist gar nicht so selbstverständlich, dass wir das Wort Gottes auch tatsächlich in unser Leben einbeziehen. Weder für evangelische noch für katholische Christen.
"Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort". Diese Bitte ist nach wie vor aktuell. Denn da gibt es ja auch schon am Morgen so viele Dinge, die uns ablenken; wenn wir uns eigentlich die Zeit nehmen wollen, um ein paar Minuten in der Bibel zu lesen, zu beten und vor Gott neue Kraft zu sammeln. Zum Beispiel die Zeitung. Da bin ich schnell verleitet, dass ich gerade mal die Sportnachrichten lese, doch schon blättere ich weiter zu den Meldungen über Klatsch und Tratsch ... Und schon ist der geistliche Start in den Tag vermasselt.         
     
Choral: Vorspiel

Autor: Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort! Es bringt uns auf bessere, auf göttliche Gedanken. Denn Gottes Wort ist ein Licht auf unseren Wegen.     

Choral (Strophe 1): Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort / und steure deiner Feinde Mord, /
die Jesum Christum, deinen Sohn, / wollen stürzen von deinem Thron.   

Musikinformationen:
CD-Titel: Martin Luther: „Verleih uns Frieden gnädiglich“
Titel: Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort
CD-Verlag und Ort: Schulte & Gerth, Asslar

Angaben zum Choral:
Text und Melodie: Martin Luther
Komponisten der Sätze: Michael Praetorius (Strophe 1+3) und Johann Eccard (Strophe 2)
Chor: Studiochor des Evangeliums-Rundfunks unter der Leitung von Gerhard Schnitter

Audiobeitrag „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ (eg 193,1-3)


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