Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.11.10, Pfarrer Titus Reinmuth

Ein Zeichen setzen

O-Ton: Glockengeläut Autor: Hochzeitsglocken im Herbst. Nadine und Yalcin planen ihre Trauung.

In ihrer evangelischen Kirche in der Kleinstadt Wassenberg am Niederrhein wollen sie sich das Ja-Wort geben. Das Besondere: Sie ist Christin, und er ist Moslem.

O-Ton Yalcin: Ich bin vor 40 Jahren in Hückelhoven geboren, in Hückelhoven groß geworden, hab da meine Ausbildung gemacht, meine Schulbildung beendet, alles komplett, ich kenne hier viele Leute, hab auch meine Frau kennen gelernt hier.

Autor:. Die Nachbarstadt Hückelhoven ist eine alte Zechenstadt. Die Zeche Sophia Jakoba wurde 1997 geschlossen. Früher haben viele Menschen hier gearbeitet, auch viele Gastarbeiter aus der Türkei. Dass Yalcin sich heute so zuhause fühlt, ist nicht selbstverständlich. Seine Familie hat etwas dafür getan.

O-Ton Yalcin: Ich war halt die erste Generation, die im Jahre 70 in Deutschland geboren wurde aus meiner Familie. So und von vorneherein drauf bestanden: deutscher Kindergarten, rein deutsch, deutsche Schule, wenn Gottesdienste waren von der Schule her, hat Vater gesagt: Geh hin, lern was! Nicht nur in der Moschee, sondern auch in der Kirche. Du musst das ja nicht machen, was die machen, aber lerne über die Religion!

Autor: Niemand konnte damals ahnen, dass die Liebe den jungen Yalcin eines Tages in eine Kirche vor den Traualtar führen würde. Nadine und Yalcin wollen damit ein Zeichen setzen. Erst haben sie sich erkundigt, ob das überhaupt geht. Sich vor Gott das Ja-Wort geben, obwohl sie unterschiedlich glauben. Muss etwa der eine die Religion des andern annehmen? Das wollten sie auf keinen Fall. Im Gegenteil: Nadine und Yalcin wollten die Unterschiede zeigen und das Verbindende.

O-Ton Nadine: Das ist ja eigentlich der Sinn der Sache. Ich bin so geboren, ich bin evangelisch getauft worden.

Autor: Deshalb wollte Nadine nicht konvertieren. Und dafür hat sie Gründe.

O-Ton Nadine: Sonst würden wir beide uns ja auch gar nicht ergänzen, wenn es denn so wäre, und dann würde ich sagen: nein, dann bist du nicht der Richtige für mich, denke ich.

O-Ton Yalcin: Und wir haben ein kleines Kind, das Kind hat dadurch einen Vorteil, dass sie auf christliche und islamische Art und Weise erzogen wird, sie kennt von beiden Religionen was, und hoffentlich irgendwann gibt sie’s ihren Kindern weiter.

Autor: Und was sagen die andern? Werden die beiden neugierig befragt oder argwöhnisch beäugt?

O-Ton Nadine: Es kam bei allen sehr positiv rüber, positiv überraschend auf jeden Fall. Und die wollen immer mehr wissen über seine Kultur und Religion und die sind für alles offen und die wundern sich immer mehr und freuen sich immer wieder auf das neue Gespräch.

Autor: Yalcin sagt immerhin Ja zu einer evangelischen Trauung mit muslimischer Beteiligung. Hat er Kritik zu erwarten?

O-Ton Yalcin: Wenn Kritik, dann halt positive Kritik. Mein engster Freund, ich arbeite mit ihm zusammen und wir haben gesprochen, und er findet das auch gut, dass halt sich jemand mal Gedanken drüber gemacht hat. Ich weiß nicht, wie die Nachbarschaft reagieren wird oder die ältere Generation, Vaters Generation. Aber so wie ich die einschätze, würden über neunzig Prozent das befürworten. Weil halt was Positives daraus erhofft wird.

Autor: Als Trauspruch, also als biblisches Motto für ihre Trauung, haben die beiden sich ein Wort aus dem Buch Ruth ausgewählt: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ So können sie wirklich ein Zeichen setzen.

O-Ton Yalcin: Wir wollen damit so ein kleines Samenkorn aussäen, das irgendwann mal gedeiht. Das ist unsere große Hoffnung eigentlich.

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